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Kommunikative Selbstreflexion

Completion requirements

Intro

Kommunikation ist der Weg, über den in der ständigen Selektion von Information, Mitteilung und (sozialem) Verstehen gemeinsam Sinn erzeugt wird. Für eine erfolgreiche Teamarbeit braucht es eine gute Kommunikation. Das mag zunächst banal klingen, ist aber weitaus komplexer als gedacht. Der Einfluss von Kultur (soziale Praxis) auf Kommunikation wird häufig unterschätzt. Für eine gute Teamkommunikation braucht es ein Bewusstsein für den eigenen kommunikativen Stil
und die Kommunikationskomponenten, die in einen Kommunikationsprozesses wirken.

Ein Großteil unserer Kommunikation findet tatsächlich unterhalb der Ebene unseres Bewusstseins statt. Sie "passiert" einfach. Erst wenn wir merken, dass wir uns aus irgendeinem Grund nicht verstehen, oder wenn wir zum Beispiel ungewollt die Gefühle eines anderen verletzen, werden wir uns ihrer bewusst und fragen uns, was schiefgelaufen ist. Angesichts dieses Phänomens ist es wichtig, unser Bewusstsein für den Kommunikationsprozess zu schärfen und unser Verständnisfür die Elemente zu verbessern, die die gegenseitige Bedeutungskonstruktion beeinflussen, wie z.B. der Kontext und die Wahl des Kommunikationsmediums. Um ein besseres Verständnis für Kommunikationsprozesse herzustellen, widmen wir uns kurz den Elementen, die in der Kommunikation wirken.

Im Wesentlichen besteht ein Kommunikationsprozess aus acht Elementen:

  1. Die Kommunikator*innen oder beteiligten Personen: wir senden und empfangen zeitgleich Botschaften. Es besteht eine gegenseitige Abhängigkeit zwischen den Kommunikatoren, da jeder Sprechakt sich an der Reaktion des Gegenübers orientiert.

  2. Die Formen der Kommunikation: wir unterscheiden zwischen schriftlicher und mündlicher Kommunikation. Innerhalb dieser Kategorien wirken vier Formen der Kommunikation.

    Vier Formen der Kommunikation (Quelle: Bolten 2015, S. 23)

     

    Im Allgemeinen kommunizieren wir Zeichen und Codes, die für etwas stehen (z.B. E – U – R – O = ein Wort, das als Zeichen/Code für eine Währung steht, aber keine natürliche Beziehung zu dem von ihr repräsentierten Gegenstand hat). Diese erzeugen durch das Zusammenspiel aller vier Formen Bedeutung, z. B. durch die Art der Betonung (paraverbal), durch unseren Gesichtsausdruck (nonverbal) und durch den Kontext, die Situation, in der wir sprechen (extraverbal). 

  3. Der Kodierungs- und Dekodierungsprozess: damit Kommunikation stattfinden kann, müssen Gedanken, Ideen, Gefühle zunächst kodiert werden, also in entsprechende verbale und nonverbale Zeichen und Codes umgewandelt werden, so dass sie weiter-gegeben werden können. Unser Gegenüber dekodiert, wandelt also die empfangenen Zeichen und Symbole in Bedeutung um. Das Dekodieren, also die Interpretation der empfangenen Zeichen und Symbole hängt stark von den Erfahrungen und den Konven-tionen ab, die die Person gewohnt ist (soziale Praktiken in der Kommunikation).

  4. Das verwendete Medium: Das Medium ist das Gewählte Mittel zur Übertragung unserer Botschaft, verbale und non-verbale Zeichen wie Worte, Töne und Gesten. Hierzu zählen auch digitale Kommunikationsmedien wie Video-, Audiokonferenzen (Rich Media), E-Mails, Sofortnachrichten und Briefe (Lean Media).

  5. Art und Umfang der Störquellen: Alle Formen von Rauschen, Lärm, Geräuschen, die unsere Fähigkeit beeinflussen können, gut zu kommunizieren, werden als Störquellen bezeichnet. Auch physiologische (Probleme beim Hören, Kopfschmerzen etc.) und psychologische Störquellen (abgelenkt sein, Stereotype etc.). Auch semantisches Rauschen (zu komplexer Sachverhalt, unbekannte Fachbegriffe, ungewohnte Wortwahl etc.) kann als Störquelle bezeichnet werden, da es verhindert, dass wir dem Inhalt folgen können

  6. Der Kontext der Kommunikation: Das Umfeld oder der Gesamtkontext beeinflussen den Kommunikationsprozess, da wir situativ kommunizieren. Zeit, Raum, physische Umgebung, die Rollen, der Status und auch die Beziehung zwischen den Kommunikatoren beeinflussen, was in der Kommunikation geschieht. Der Satz „Der Kaffee ist alle“ verändert seine Bedeutung je nach Kontext – Chef zur Sekretärin im Büro; WG-Mitbewohner zu WG-Mitbewohnerin in der WG. Die Wörter bleiben dieselben, aber die Bedeutung des Satzes ändert sich.

  7.  Die Reaktion oder das Feedback der Kommunikator*innen: Bewusst und unbewusst erhalten wir ständig eine Reaktion auf das Gesagte. Während des Dekodierens interpretiert unser Gegenüber ständig unsere Botschaft und erzeugt selbst dabei eine Botschaft durch seine Reaktion, auf die hin wir wieder unsere Botschaft anpassen. Es ist ein dynamischer Prozess zwischen den Kommunikatoren.

  8. Die Ko-Konstruktion von Bedeutung und das Ergebnis der Kommunikation: In der Regel gehen wir davon aus, dass unsere Botschaft verstanden wird. Dies versuchen wir dadurch abzusichern, indem wir Zeichen und Codes wählen, von denen wir ausgehen, dass ihre Bedeutung geteilt wird. Es kann jedoch sein, dass die Bedeutung dessen, was aufgenommen und wahrgenommen wird sich unterscheidet und damit die Interpretation (Dekodierung) eine andere ist, als intendiert. Ko-Konstruktion bedeutet die gemeinsame Herstellung von Bedeutung oder die Klärung dessen, wie eine Botschaft verstanden werden soll. Mit anderen Worten: Die Kommunikator*innen müssen den Sinn und die Bedeutung ihrer Interaktionen durch einen Aushandlungsprozess herausfinden.  

Das folgende Beispiel zeigt alle acht Elemente in einer Kommunikationssituation:

Eine Kundin und ein Lieferant (Kommunikatoren) haben vor kurzem begonnen, eine Geschäftsbeziehung aufzubauen, und der Lieferant hat gerade zum ersten Mal seine neue Kundin beliefert (Kontext). Nachdem die Kundin festgestellt hat, dass ein bestellter Artikel nicht den Spezifikationen entspricht, möchte sie diesen Artikel ersetzt haben. Da sie schon lange auf die Lieferung gewartet hat und den Artikel dringend benötigt, ist sie ziemlich verärgert und beschließt, ihren Lieferanten anzurufen (Medium) und mit ihm zu sprechen (Kommunikationsform). Während des Telefonats kommt es zu Störungen in der Telefonleitung, die das Gespräch ständig unterbrechen (Rauschen). Beide reagieren irritiert (Reaktion) und beschließen, ihre Kommunikation per E-Mail fortzusetzen, um sicherzustellen, dass sie ein gemeinsames Verständnis darüber entwickeln, was schiefgelaufen ist (Ko-Konstruktion von Bedeutung) und was in Zukunft anders gemacht werden muss (Ergebnis).

Fazit: Kommunikation ist eine symbolisch vermittelte Interaktion bzw. ein Prozess wechselseitiger Bedeutungsvermittlung.

Zeichen und Codes
Zeichen/Codes haben nicht per se eine Bedeutung. Die Beziehung zwischen Zeichen und deren Bedeutung ist arbiträr (d. h. willkürlich festgelegt). Dieser Unterschied wurde durch die Zeichen-theorie von Ferdinand de Saussure (1913) bekannt. In seiner Theorie unterscheidet er das Wort, welches eine Aneinanderreihung von Zeichen wiedergibt (signifiant = sprachlicher Ausdruck [Sig-nifikant]), und den Bedeutungsinhalt, also die Vorstellung dessen, was das sprachliche Zeichen bzw. Wort repräsentiert (signifié = sprachlicher Inhalt [Signifikat]). Ausdruck und Inhalt sind demnach zwei Seiten einer Münze, wobei der Bedeutungsinhalt eines sprachlichen Zeichens kulturgebun-den ist: Vorstellungen und Konzepte entstehen in einem bestimmten kulturellen Umfeld und ent-wickeln sich gemäß den lokalen Gegebenheiten.

 

Video: Wie sich Missverständnisse vermeiden lassen:

Zur Vertiefung/zum Nachlesen:
Selbstlernmodul EduBox: https://learn.hoou.de/blocks/course_overview_page/course.php?id=961

 

Hier schließt sich nun unser Wissen zu Kultur an: Wir haben uns mit der Multikollektivität und der kulturellen Heterogenität der Menschen befasst und festgestellt, dass soziale Praktiken dafür sorgen, dass wir im Alltag handlungsfähig sind. Diese sozialen Praktiken beziehen sich auf die Wahrnehmungs-, Interpretations- und Handlungsgewohnheiten in sozialen Interaktionen. Die Interaktion zwischen Kommunikator*innen ist ein permanenter Prozess des Handelns, Beobachtens und Entwerfens weiterer Handlungen. Durch die Verwendung von Zeichen und Codes, an denen sich die Handelnden orientieren, versuchen sie sich den Sinn ihres Handelns gegenseitig anzuzeigen. Kommunikation gelingt also, weil die Beteiligten sich den Sinn ihres Handelns über gemeinsame Zeichen und Codes erschließen.

Die Kommunikator*innen interagiert in einer symbolischen Lebenswelt. Angehörige derselben Lebenswelt verfügen über einen gemeinsamen, als selbstverständlich und natürlich erachteten Vorrat an Vorstellungen, Zeichen, Symbolen und Bedeutungen, die innerhalb einer Gruppe Eindeutigkeit, Sinnstiftung, geteiltes Wissen, zielführende Kommunikation und Kooperation ermöglichen (Barmeyer 2018, 195). Dieses „semantische Inventar“ (Geertz 1973) stellt die Basis für gelingende Kommunikation dar.

Nicht immer teilen wir ein semantisches Inventar. Insbesondere in interdisziplinären Teams können unterschiedliche Zeichen/Codes für ähnliche oder gleiche Dinge existieren. Oder das gleiche Zeichen erhält eine andere Bedeutung.

Hier ein paar Beispiele für unterschiedliche Bedeutungen von Zeichen/Codes:

„Kultur“

  • Kunst & Ästhetik: künstlerische Ausdrucksform
  • Biologie & Medizin: gezieltes Wachstum von Zellen oder Mikroorganismen
  • Wirtschaftswissenschaften: Werte, Normen und Praktiken innerhalb einer Organisation
  • Anthropologie: erlernte und überlieferte Verhaltensmuster einer Gesellschaft

Zusätzlich zum geteilten semantischen Inventar wirken auch kommunikative Stile. Das Zusammenspiel der vier Formen der Kommunikation (verbal, non-verbal, paraverbal, extraverbal) wird als kommunikativer Stil bezeichnet. Die Reichweite kommunikativer Stilbildungen hängt von den an der Kommunikation Beteiligten ab. Sie kann Paare/Kleingruppen bis hin zu komplexen Sprachgemeinschaften wie transnationalen „communities of interest“ in sozialen Netzwerken umfassen. Je größer die Zahl der Beteiligten an einer kommunikativen „Rahmung“ ist, desto geringer ist die Gemeinsamkeit der Stilmerkmale: Jedes beteiligte Individuum bringt durch die Vielfältigkeit seiner Zugehörigkeiten zu unterschiedlichen kommunikativen Gemeinschaften (Lebenswelten) individuelle Erfahrungen und Erwartungen (Wahrnehmungsgewohnheiten) in Bezug auf kommunikatives Handeln ein. Aufgrund der Interdependenz von individueller Charakteristik, Sozialisationstypik und kulturellem Wissensvorrat unterscheiden sich kommunikative Stile bzw. Systeme in ihrer Konzeption.

Nehmen wir Jugendgruppen (Peergroups) zur Verdeutlichung kommunikativer Stile/Konventionen: Der Ausdruck „Chabos wissen, wer der Babo ist“ stammt vom türkischstämmigen Rapper Haftbefehl. Was er damit sagt, ist „Jungs wissen, wer der Boss ist“. Aufgrund der Kulturgebundenheit der Zeichen kann die gleiche Wortbezeichnung ohne geteilte lebensweltliche Bezüge und kulturellen Wissensvorrat (hier insbesondere der Lebenswelt „Rapper“) andere oder gar keine Vorstellungen hervorrufen. Der Satz funktioniert als kommunikatives System nur in Kontexten, in denen diese Codes geteilt und verstanden werden (d. h., konventionalisiert sind) (vgl. Yildirim-Krannig 2019, S. 36). 

Die Art und Weise, wie wir Dinge sagen, ist kulturell bedingt. Obwohl es sicherlich zahlreiche Nuancen bei Kommunikationsstilen gibt, werden im Wesentlichen fünf Kontraste angeführt bezüglich der Art und Weise, wie Menschen an Gesprächsthemen herangehen, wie sie debattieren, sich unterhalten, Fragen stellen und die verbale Kommunikation organisieren.


Aufgaben und Übungen

Meine kommunikativen Präferenzen
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 Meine situativen Kommunikationskompetenzen
Meine situativen Kommunikationskompetenzen von Jakob Kopczynski (Quelle: Schmidt, Annika / Voigt, Andrea / Yildirim-Krannig, Yeliz (2023): EduBox – Interkulturelle Kommunikation – Trainer Manual (Version 1.0. Hamburg Open Online University HOOU). Glocal Campus Jena, https://glocal-campus.org. ) (CC BY-SA)

 

Reflexionsfragen (keine Verschriftlichung notwendig):

  • Was fiel Ihnen bei der Bearbeitung des Arbeitsblattes auf?
  • Was hat Sie überrascht?
  • Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Ihrem persönlichen Kommunikationsstil und Ihren Kommunikationsstrategien, insbesondere in Hinblick auf die Kommunikationsebe-nen „direkt/indirekt“; „sach- / beziehungsorientiert“; „zurückhaltend / expressiv“; „linear / zirkulär“?
  • Wenn Sie Ihre Kommunikationspräferenzen ansehen: Wie wirken sich diese auf Ihre Kommunikation mit anderen aus?
  • Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sehen Sie, wenn Sie ihre privaten und beruflichen Kommunikationspräferenzen vergleichen?

Aktives Zuhören

Aufgrund unterschiedlicher Interpretation kann es in der Kommunikation zu Verwirrungen, Irritationen etc. kommen. Für den Umgang mit Verwirrungen, Irritationen oder unerwarteten Absichten gibt es bestimmte Techniken, die in der Kommunikation eingesetzt werden können. Unter anderem ist das aktive Zuhören eine wertvolle Technik. Diese Technik kann in verschiedenen Phasen des Kommunikationsprozesses eingesetzt werden.

Aktives Zuhören ist ein wirkungsvoller Ansatz, wenn einer/eine oder auch beide Kommunikator*innen feststellen, dass die gemeinsame Herstellung von Bedeutung nicht gelingt. In solchen Situationen kann es sein, dass man verwundert, verwirrt oder gar irritiert ist, und sich nicht sicher ist, ob man verstanden wurde. Unter Umständen wurden Erwartungen nicht erfüllt oder man fühlt sich schlichtweg missverstanden. Aktives Zuhören ist eine Haltung, die mit Respekt verbunden ist und sich dadurch auszeichnet, dass man sich vollkommen auf das einlässt, was die andere Person sagt. Es geht dabei nicht darum, zu beweisen, wer Recht oder Unrecht hat, sondern darum, sowohl die gesprochenen als auch die unausgesprochenen Aspekte des Gesprächs wahrzunehmen. Das Hauptziel des aktiven Zuhörens besteht darin, nicht nur zu verstehen, was der Sprecher oder die Sprecherin explizit sagt, sondern auch die zugrunde liegenden unausgesprochenen Erwartungen, Gefühle, Absichten und Bedürfnisse zu erkennen. Im Wesentlichen geht es darum, der anderen Person das Gefühl zu geben, dass sie gehört wird, wobei alle unsere Sinne zum Einsatz kommen.

Video: Aktives Zuhören

Übung zum Video "Aktives Zuhören" von Yeliz Yildirim-Krannig / Jakob Kopczynski (CC BY)

 


Zusammenfassung

Sie haben Ihre kulturelle Selbstreflexion beendet und dabei einiges über sich gelernt. Sie haben sich ein Bewusstsein für Ihre eigene Werte und Überzeugungen bezüglich der Arbeit im Team erarbeitet und damit die Grundlage für ein offenes und wertschätzendes Miteinander geschaffen. Zusätzlich haben Sie sich mit Ihren kommunikativen Präferenzen auseinandergesetzt und dabei verschiede kommunikative Stile und Techniken kennengelernt, die Ihnen helfen, Missverständnisse zu vermeiden und die Teamkommunikation zu verbessern.


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Last modified: Monday, 8 December 2025, 1:53 PM