Kulturelle Selbstreflexion
Intro
Im ersten Teil des Teamentwicklungsprozesses stehen Sie an erster Stelle. Es ist wichtig, sich zuerst mit sich selbst auseinanderzusetzen, seine eigenen kulturellen Prägungen, Erfahrungen und Erwartungen zu reflektieren. Die Selbstreflektion basiert auf einem dynamischen und offenen Kulturansatz, der Ihnen hilft, eine kulturreflexive Perspektive einzunehmen und ihre eigenen Handlungsgewohnheiten sowie die Ihrer Teammitglieder besser zu verstehen.
Unter kultureller Selbstreflexion verstehen wir, über sich selbst als kulturelles Wesen nachzudenken. Das bedeutet, das eigene Denken, Fühlen und Handeln vor dem Hintergrund kultureller Einflüsse (Handlungsroutinen, Denk- und Wahrnehmungsgewohnheiten) zu analysieren und zu hinterfragen mit dem Ziel, mehr über sich selbst herauszufinden. Als Einstieg in die kulturelle Selbstreflexion widmen wir uns dem Kulturbegriff, den wir dafür verwenden wollen.
Der Kulturbegriff weist zahlreiche und vielfältige Definition auf. Je nach Interessen und Perspektiven verändert sich das Verständnis von Kultur. Im Teamentwicklungskontext möchten wir ein Kulturverständnis verwenden, welches sich von der traditionellen, zur Abgrenzung neigenden Denktradition unterscheidet. Das traditionelle Kulturverständnis basiert auf zweiwertigen Logiken, in der die Bestimmung des „Eigenen“ über die Abgrenzung zum „Fremden“ erfolgt. In dieser Denktradition (Strukturalismus – zweiwertige Logik) werden die meisten Menschen in modernen Gesellschaften sozialisiert. Was genau mit der Sozialisation in zweiwertigen Logiken, dem Entweder-Oder-Denken, gemeint ist, wird anhand der folgenden Übung vermutlich deutlicher:
Das Kulturverständnis, welches für uns im Kontext der Teamarbeit sinnvoll ist, wird als „offener“ Kulturbegriff bezeichnet. Diesem Kulturverständnis nach ist Kultur soziale Praxis, welche nicht mit der Herkunft (Ethnie, Nationalität) von Personen gleichzusetzen ist.
Kultur als soziale Praxis ist etwas, das wir als Handlungsgewohnheiten bezeichnen. Durch häufige und regelmäßige Interaktion bilden sich Handlungsgewohnheiten heraus, die sich zu Handlungsmustern und Handlungsstilen verdichten und damit bestimmte Handlungsabläufe sozial erwartbar machen (Hörning 2004, S. 19). In der ständigen Interaktion mit anderen entfalten sich unbemerkt gemeinsame Normen, die dem Handeln Richtung und Zusammenhang geben. Auf diese Weise kann Wissen darüber entstehen, wie man sich im jeweiligen Kontext „normal“ und „vernünftig“ verhält und wie man gegebenenfalls weiteres Wissen und Ressourcen aktiviert und kombiniert. Kultur als soziale Praxis bezieht sich immer auf einen bestimmten sozialen Kontext und auf Interaktionen in sozialen Bezugsgruppen. In diesen sozialen Bezugsgruppen wird das Wissen über die kulturelle Praxis geteilt.
Menschen gehören gleichzeitig zahlreichen sozialen Bezugsgruppen, sogenannten Kollektiven an.

Die Zugehörigkeit zu sozialen Bezugsgruppen (Kollektive) können sich mit denen anderer Individuen überschneiden.
Alle Individuen zeichnen sich nach diesem Kulturverständnis durch Multikollektivität (vielfa-che Kollektivzugehörigkeiten) und multiple Identifikationen aus. Aufgrund ihrer Multikollektivi-tät sind die Individuen mit einer Vielzahl von sozialen Praktiken vertraut, weshalb sie kulturell heterogen sind. Alle komplexen Kollektive, dazu zählen auch Teams, sind durch kulturelle Viel-falt, Diversität, Heterogenität, Divergenz und Widersprüchlichkeit gekennzeichnet (Rathje 2009).
| Definition: Heterogenität Heterogenität ist ein Konstrukt der Gesellschaft. All das, was von der ‚Norm‘ abweicht und nicht ho-mogen ist, ist heterogen. Die Heterogenität bezieht sich dabei auf den Kontext und ihr Umfeld: Eine Seminargruppe mit gleichaltrigen Studierenden, die alle weiblich sind, ist (auf das Geschlecht bezo-gen) homogen. |
Übertragen auf die Teamarbeit bedeutet es, dass alle Teammitglieder kulturell heterogen (vielfältig) sind, da sie verschiedene Handlungsgewohnheiten durch ihre zahlreichen sozialen Bezugsgruppen (Kollektive) haben.
Eine Teamkultur entsteht durch die Erzeugung von Normalität genau dieser Vielfalt. Sind die Unterschiede in den Handlungsgewohnheiten zwischen den Teammitgliedern bekannt und sind alle damit vertraut, lassen sich leichter gemeinsame Regeln für die Zusammenarbeit aushandeln und etablieren.
| Zur Vertiefung/zum Nachlesen: Video: https://www.youtube.com/watch?v=HwavcgthM2I Text: https://kulturshaker.de/kultur/neuer-kulturbegriff/multikollektivitaet/ Selbstlernmodul EduBox: https://learn.hoou.de/blocks/course_overview_page/course.php?id=961 |
Aufgaben & Übungen
| Nehmen Sie nun Ihre Selbstreflexion vor, indem Sie die untenstehenden Fragen beantworten. Ihre Selbstreflexion ist der erste Schritt im Teamentwicklungsprozess. Ihre Selbstreflexion dient Ihnen als Grundlage für die Aushandlungsprozesse in der Vorbereitung der gemeinsamen Teamarbeit. Sie liefert Ihnen als Reflexionsbasis Antworten auf ihre Erwartungen an die Teamarbeit, ihre Reaktion bzw. Empfindungen bei bestimmten Themen, Herangehensweisen, ihre Reaktion auf bestimmte Kommunikationsstile etc. Bitte lesen Sie sich die Fragen durch und notieren Sie Ihre Ergebnisse schriftlich. |
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