Soziale Identität
Soziale Identität
2.2 Soziale Identität
Einleitung – Wer bin ich und wo fühle ich mich zugehörig?
Stell dir vor, du bist auf einer After-Work-Veranstaltung deines Unternehmens und triffst dort neue Menschen. Ohne dass es dir bewusst wird, blickst du dich um und ordnest dich und die anderen innerlich ein: „Die Gruppe dort hinten besteht aus Azubis“, „das könnte ein Team aus der Führungsebene sein“, „die drei Personen an dem Tisch sind bestimmt von der IT-Abteilung“. Diese spontanen Zuschreibungen sind psychologische Mechanismen, die in dir wirken und zum Konzept der sozialen Identität zählen.
Gedankenexperiment
In welchen Gruppen hältst du dich auf (z. B. beruflich, nach Hobbys, Alter, Herkunft)? Wie fühlst du dich in diesen Gruppen?
Persönliche und Soziale Identität (SIT – Social Identity Theory)
Woher kommt es, dass wir uns in manchen Kreisen wohler fühlen als in anderen? Unser Zugehörigkeitsempfinden und unsere Identität in der Gruppe wird in der Persönlichkeits- und Sozialpsychologie schon lange erforscht. Nach der Theorie der sozialen Identität (Tajfel & Turner, 1979) ist unser Selbstkonzept, also die subjektive Wahrnehmung unseres Selbst, teilweise durch unsere Gruppenzugehörigkeiten bestimmt; diesen Teil nennt man soziale Identität.
Spätere Forschungen zur Self-Categorization Theory (Turner et al., 1987) erweiterten das Modell und unterschieden zwischen:
- persönlicher Identität: wer wir als individuelle Person sind und
- sozialer Identität: wer wir als Mitglied sozialer Gruppen sind. Je nach Situation kann die eine oder andere stärker im Vordergrund stehen.
1. Die persönliche Identität
Die persönliche Identität beschreibt den Teil unseres Selbstbildes, der durch individuelle Eigenschaften, Werte, Charakterzüge und Erfahrungen definiert wird. Sie macht uns einzigartig und unterscheidet uns von anderen.
Beispiele:
- „Ich bin kreativ und habe Freude daran, Neues auszuprobieren.“
- „Ich bin eine Person, die Konflikte lieber ruhig löst.“
- „Ich habe Humor, auch in stressigen Situationen.“
- „Ich lege großen Wert auf Gerechtigkeit.“
- „Ich bin ehrgeizig und brauche klare Ziele.“
2. Die soziale Identität
Die soziale Identität beschreibt, wer wir in Beziehung zu anderen sind, also, zu welchen Gruppen wir uns zählen und welche emotionale Bedeutung diese Zugehörigkeit für uns hat.
Beispiele:
- „Ich bin Student*in.“
- „Ich bin Mutter/Vater.“
- „Ich bin Fußballfan.“
- „Ich bin in einer Band.“
- „Ich bin Teil einer queeren Community.“
Persönliche und soziale Identität sind keine Gegensätze, sondern Teile unseres Selbst. Je nach Situation kann die eine oder die andere dominieren.
Die Bestandteile der sozialen Identitätstheorie (SIT = Social Identity Theory)
1. Soziale Kategorisierung:
Wir ordnen Menschen (auch uns selbst) Gruppen zu, z. B. nach Beruf, Alter oder Abteilung. Das hilft, die komplexe Welt zu strukturieren, führt aber oft dazu, Unterschiede zwischen Gruppen zu betonen.
Beispiel: In einem Unternehmen wird eine Person sofort als „ITler“, „HR“, „Azubi“ oder „Führungskraft“ eingeordnet und allein diese Kategorie beeinflusst, welche Fähigkeiten oder Aufgaben man ihr spontan zuschreibt.
2. Soziale Identität:
Wenn wir uns einer Gruppe zugehörig fühlen, übernehmen wir deren Werte, Normen und Verhaltensweisen. Je nach Situation kann eine Identität dominieren.
Beispiel: Eine Mitarbeiterin fühlt sich stark mit ihrem Team verbunden und übernimmt dessen Arbeitsstil und Humor. In einem bereichsübergreifenden Projekt dagegen identifiziert sie sich plötzlich mehr mit der Rolle „Projektleitung“ und verhält sich formeller und strukturierter.
3. Sozialer Vergleich:
Wir vergleichen unsere Gruppe mit anderen, um unser Selbstwertgefühl zu stärken. Positive Unterschiede zwischen Gruppen steigern Stolz und Zugehörigkeit.
Beispiel: Ein Vertriebsteam ist stolz darauf, „immer schneller als die anderen Abteilungen zu liefern“, während das Entwicklungsteam betont, „gründlicher zu arbeiten als der Vertrieb“. Beide Vergleiche stärken das Wir-Gefühl der jeweiligen Gruppe.
4. Soziale Distinktheit:
Menschen wollen, dass ihre Gruppe besonders ist. Das geschieht durch Strategien wie:
- Stärken hervorheben: „Wir sind das Team, das auch unter Druck Lösungen findet.“
- Neue Vergleichsdimensionen schaffen: „Wir mögen klein sein, aber dafür besonders innovativ.“
- Neubewertung: „Wir sind nicht chaotisch, sondern flexibel und kreativ.“
- Vergleichsgruppe wechseln: „Im Vergleich zu externen Agenturen arbeiten wir näher am Produkt.“
Diese Strategien können Motivation und Teamzusammenhalt fördern, aber auch „Wir-gegen-die“-Dynamiken erzeugen.
Merkmale der sozialen Identität (zusammengefasst)
1. Identität ist mehrschichtig:
- Jede Person gehört gleichzeitig zu verschiedenen Gruppen.
- Beispiel: Eine Person kann gleichzeitig Tochter, Musikerin, Kollegin, Gamerin und Ehrenamtliche sein.
2. Identität ist situativ:
- Welche Zugehörigkeit gerade im Vordergrund steht, hängt von der Situation ab.
- Im Job ist vielleicht die Rolle „Ingenieur*in“ wichtig, zuhause eher „Elternteil“ oder im Stadion „Fan“.
3. Identität ist verbindend und abgrenzend:
- Positiv: Gruppenzugehörigkeit gibt uns Halt, Gemeinschaft und Sicherheit.
- Negativ: Gruppen können sich abgrenzen („Wir gegen die“). Das kann zu Vorurteilen und Rivalität führen.
Soziale Identität ist also flexibel und situationsabhängig: Sie kann verbinden, aber auch trennen.