Dimensionen geschlechtlicher Vielfalt
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Dimensionen geschlechtlicher Vielfalt
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In diesem Abschnitt lernst du verschiedene Begriffe rund um geschlechtliche Vielfalt kennen und setzt dich mit verschiedenen Lebensrealitäten auseinander. Es werden alltägliche und besondere Herausforderungen beleuchtet, die Menschen begegnen, die nicht den herkömmlichen Vorstellungen der Geschlechterbinarität entsprechen. Ein Gastbeitrag von Mine Pleasure Bouvar blickt in der Geschichte zurück und zeigt auf, dass "trans" alles andere als eine Erfindung von heute ist.
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TINA*: Identitäten jenseits der binären Norm
Trans, inter, nicht-binäre und agender Menschen entsprechen nicht der Norm binärer Cisgeschlechtlichkeit. Im Folgenden erfährst du mehr über die einzelnen Begriffe. Das Sternchen bei TINA* steht für die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten. In diesem Lernangebot können nicht alle Facetten beleuchtet werden, aber du findest zahlreiche Empfehlungen zum Weiterlesen und -lernen.
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Trans / transgeschlechtlich
Trans, bzw. transgeschlechtlich, beschreibt Menschen, deren Geschlecht nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Zum Beispiel ist eine Person, die bei der Geburt als männlich kategorisiert wurde, sich aber nicht mit diesem Geschlecht identifiziert, trans. Manche trans Personen würden an dieser Stelle einwenden, dass „identifizieren“ nicht das richtige Wort ist, denn sie sind nicht das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht und identifizieren sich nicht nur nicht damit.
Die ursprüngliche Bedeutung der lateinischen Vorsilbe trans ist „jenseits“ oder „über … hinaus“.
✨ Trans sein ist vielfältig
Trans zu sein, kann vieles bedeuten, der kleinste gemeinsame Nenner ist aber das nicht Übereinstimmen von ursprünglicher Zuweisung durch andere (meistens direkt nach der Geburt durch medizinisches Personal) mit dem eigenen Geschlecht.
Es gibt trans Personen, die sind binär trans. Das bedeutet, dass sie das jeweils andere Geschlecht im binären Modell (männlich/weiblich) sind, als ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Trans Frauen wurden entsprechend bei der Geburt als männlich kategorisiert, trans Männer als weiblich. Es gibt außerdem trans Personen, die nicht-binär trans sind. Also alle trans Personen, die nicht das Geschlecht sind, dass ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, aber auch nicht das jeweils andere im binären Modell. Nicht-binäre trans Personen nutzen unterschiedliche Selbstbezeichnungen für sich, z.B. trans femme / transfeminin (z.B. nicht-binäre trans Personen, die sich als eher weiblich verstehen) trans masc, transmaskulin (z.B. nicht-binäre trans Personen, die sich als eher männlich verstehen), nicht-binär, genderfluid, agender usw.
🛤️ Transition
Nicht alle trans Menschen transitionieren, d.h. unternehmen Schritte, dem eigenen Geschlecht (optisch) näherzukommen. Meistens beginnt es mit einer inneren Transition, also dem eigenen Erkennen, bevor es zum „Coming-Out“ im eigenen sozialen Umfeld kommt, manchmal verbunden mit dem Annehmen eines selbstgewählten Vornamens, Änderung von Kleidung und Frisur und der eigenen Pronomen (soziale Transition). Manche trans Personen entscheiden sich für die offizielle Änderung des Vornamens und des Geschelchtseintrags im amtlichen Personenstandsregister (rechtliche Transition). Manche trans Personen beginnen zudem eine Hormontherapie oder lassen Operationen durchführen, wie bspw. Mastektomien (das Abnehmen der Brüste) oder Genitaloperationen wie Phalloplastik oder Vaginalplastik (medizinische Transition). Jede Transition ist individuell und kein Gradmesser, ob eine Person „wirklich trans“ ist.
↔️ FTM / MTF
FTM ist die Abkürzung für: female to male (=weiblich zu männlich), MTF entsprechend umgekehrt: male to female. Manche trans Menschen benutzen diese Abkürzung für sich, andere lehnen sie ab, z.B. weil sie über sich wissen, dass sie zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens weiblich bzw. männlich gewesen sind oder weil sie die Bezeichnung als Fremdwahrnehmung empfinden.
📋 AMAB / AFAB
AMAB steht für „assigned male at birth” (auf deutsch etwa: bei der Geburt männlich zugewiesen) AFAB für „assigned female at birth” (bei der Geburt weiblich zugewiesen) und wird von manchen trans Personen für sich verwendet, um auszudrücken, welcher amtliche Geschlechtseintrag ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Es gibt jedoch auch Kritik an AFAB oder AMAB, wenn diese als Sammelbegriffe benutzt werden, um Aussagen über alle trans Personen zu treffen, denn alle AFAB bzw. AMAB Personen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Körper, ihrer Biografie, ihrer Erfahrungen usw.
„Sprache prägt das Verständnis. Historisch ist der Begriff ‚transsexuell‘ tief im medizinischen und juristischen Kontext verankert. Er bildete die Grundlage für das alte Transsexuellengesetz (TSG) und die veraltete Diagnose (ICD-10) einer ‚psychischen Störung‘. Viele trans* Personen lehnen diesen Begriff heute ab. Die Endung ‚sexuell‘ ist irreführend. Sie stellt fälschlicherweise eine Verbindung zur sexuellen Orientierung her, obwohl es um die Geschlechtsidentität geht. Als bewusste Alternative hat sich der Begriff ‚transident‘ etabliert. Er ersetzt ‚sexuell‘ durch ‚ident‘ und rückt damit das Kernkonzept korrekt ins Zentrum: die Identität. Die dgti e. V. bevorzugt daher Begriffe wie ‚Transidentität‘ oder ‚Transgeschlechtlichkeit‘.“ (Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit e. V.)
„Im Vergleich zu Begriffen wie Transsexualität, Transgender oder Transidentität, die zurzeit eher in einem engeren Sinn verwendet werden, möchte Trans* als Oberbegriff eine größtmögliche Vielfalt von Lebensentwürfen und Selbstbezeichnungen umfassen, die nicht der Cis-Norm entsprechen.“ (TransInterQueer e.V.)
„Das geschlechtliche Selbsterleben ist (…) zentral für die Definition von Geschlecht. Die Anerkennung der Geschlechtsidentität gehört zu den Grundrechten. Anders als mitunter behauptet, geht es trans* Personen weder darum, Geschlecht abzuschaffen, noch Biologie oder Körper zu negieren. Die Existenz von trans* Personen zeigt aber, dass bestimmte als Geschlechtsmerkmale definierte körperliche Merkmale nicht automatisch zu einer bestimmten Geschlechtsidentität und damit Geschlechtszugehörigkeit führen müssen.“ (Bundesverband Trans* (bv trans*) in der Broschüre „Soll Geschlecht jetzt abgeschafft werden?“)

Die Trans Pride Flagge wurde 1999 von Monica Helms entworfen.
„1999 aß ich mit Michael Page zu Abend, dem Schöpfer der Flagge für bisexuelle Menschen, und er sagte: ‚Weißt du, die trans Community könnte eine Flagge gebrauchen.‘ Ich antwortete: ‚Na gut, okay.‘ Etwa zwei Wochen später wachte ich eines Morgens auf und hatte plötzlich eine Idee. Ich stand auf und zeichnete [die Flagge] auf ein Blatt Papier. Eine Woche später hatte ich die erste trans Flagge und nahm sie überallhin mit. Der erste Ort, an den ich sie mitnahm, war die Phoenix Pride im Jahr 2000, und die Leute fragten: ‚Was ist das?‘ Also erklärte ich ihnen, was die Farben bedeuteten. Hellblau ist die traditionelle Farbe für Jungen. Rosa ist die traditionelle Farbe für Mädchen. Und Weiß steht für alle Menschen, die sich in einer Transition befinden oder nicht binär sind, [die] nichts mit dem binären System zu tun haben.“ (Monika Helms 2025)
Cis bzw. cisgeschlechtlich beschreibt Menschen, deren Geschlechtsidentität mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Zum Beispiel ist eine Person, die bei der Geburt als weiblich eingestuft wurde und sich auch als Frau identifiziert, cis weiblich. Genauso wie trans ist auch cis ein Adjektiv.
Die lateinische Vorsilbe cis steht für „diesseits“ oder „innerhalb“.
Wenn Menschen in ihrer machtvollen Position innerhalb Dominanzkultur benannt werden, stößt das oft auf Widerstand. In „Sprache und Sein“ beschreibt Kübra Gümüşay „die Unbenannten“ als diejenigen, die so sehr als Norm gelten, dass sie in der Sprache oft nicht explizit benannt werden. Sie bleiben unsichtbar, weil die Sprache sie als selbstverständlich voraussetzt. Lange war es in der deutschen Mehrheitsgesellschaft vollkommen unüblich von „cis Menschen“ zu sprechen. Cis zu sein war schlicht der Normalzustand und cis Personen entsprechend, „die Unbenannten“, während trans Menschen als „die Anderen“ markiert wurden. Indem wir Begriffe wie „cis“ verwenden, machen wir sichtbar, dass nicht alle Menschen in die gleiche Kategorie fallen. Es geht darum, die Normativität zu reflektieren und Platz für Vielfalt zu schaffen.
Trans* Menschen werden oft explizit benannt, während cis Personen als Norm gelten und nicht markiert werden. Das führt dazu, dass Trans*-Sein als „anders“ oder „Abweichung“ wahrgenommen wird. Durch die Benennung von „cis“ wird diese Unsichtbarkeit der Norm aufgebrochen und ein Schritt zu mehr Gleichberechtigung und Verständnis gemacht.
Links:
- Videothek des Bundesverband Trans*: https://www.bundesverband-trans.de/videos
- Broschüre des Bundesverband Trans*: Soll Geschlecht jetzt abgeschafft werden? – 12 Antworten auf Fragen zum Thema Selbstbestimmungsgesetz und Trans*geschlechtlichkeit", https://www.bundesverband-trans.de/publikationen/soll-geschlecht-abgeschafft-werden
- Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit e. V. (dgti): Trans* – Was heißt das eigentlich? Eine fundierte Analyse von Identität, Recht und Lebensrealität, https://dgti.org/2025/11/14/trans-was-heisst-das-identitaet-selbstbestimmungsgesetz
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Inter / intergeschlechtlich
Inter (manchmal auch inter*, also mit Sternchen) ist ein Sammelbegriff, der alle Selbstbezeichnungen von intergeschlechtlichen Menschen umfasst. Inter (lateinisch für „zwischen“) kann aber auch die medizinische Bezeichnung sein, die Personen bekommen, die nicht „eindeutig“ (Chromosome, Hormone, Genitalien) in die binäre Vorstellung von Geschlecht (männlich oder weiblich) zugeordnet werden können. Viele inter Personen identifizieren sich als weiblich, männlich oder nicht-binär oder einfach als inter.
Die veraltete Bezeichnung „intersexuell“ wird heute weitgehend abgelehnt. Allerdings ist im Englischen der Begriff „intersex“ gängig und nicht diskriminierend (sex=Geschlecht). Die korrekte deutsche Übersetzung ist „intergeschlechtlich“ oder „inter“.
Andreas Hechler, Beiratsmitglied der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM / OII Germany), kritisiert die „immer wieder reproduzierte Rede der ‚uneindeutigen Genitalien‘. Was soll das sein? Jedes Genital ist eindeutig! ‚Uneindeutige Genitalien‘ kann es nur in einer zweigeschlechtlich organisierten Gesellschaft geben. Wenn von ‚Uneindeutigkeit‘ die Rede ist, sollte der Begriff ‚Zweigeschlechtlichkeit‘ nicht weit sein…“ (Andreas Hechler, 2013)
In der Medizin wird heute hauptsächlich der Begriff DSD = Disorders of Sex Development (Störungen der Geschlechtsentwicklung) gebraucht. „Dieser pathologisierende Begriff wird von fast allen menschenrechtsorientierten Inter*-Initiativen klar abgelehnt“, erklärt TrIQ e.V.
Auch wenn das Bundesverfassungsgericht 2017 geurteilt hat, dass es für inter Personen die Möglichkeit geben muss, einen dritten Geschlechtseintrag („divers“) zu wählen, ist inter kein „drittes Geschlecht“. Die Deutsche Vertretung der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM) erklärt dazu: „Die körperlichen Realitäten von Menschen mit angeborenen Variationen der Geschlechtsmerkmale sind so vielfältig, dass sie nicht einfach in eine dritte Kategorie subsumiert werden können.“
„Inter* ist ein Begriff, der sich aus der Community entwickelt hat, um den pathologisierenden Fremdbezeichnungen wie DSD etwas entgegenzusetzen und der als ein emanzipatorischer und inklusiver Überbegriff die Vielfalt intergeschlechtlicher Realitäten, Körperlichkeiten und Selbstbezeichnungen benennt.
Inter* umschreibt die gelebte Erfahrung mit einem Körper geboren zu sein, der den normativen Vorstellungen von Geschlecht nicht entspricht. Dies führt noch heute zu Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen.“ Die deutsche Vertretung der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM) | Organisation Intersex International (OII Germany)
„Die Lebensrealitäten von intergeschlechtlichen Personen sehen ganz unterschiedlich aus, jedoch teilen sie in den allermeisten Fällen die Erfahrung, aufgrund ihrer Intergeschlechtlichkeit Diskriminierung erfahren zu haben bzw. zu erfahren. Vor allem (oft uneingewilligte) normierende medizinische Eingriffe und deren Folgen, aber auch Diskriminierung im Alltag und mangelnde rechtliche Anerkennung schränken intergeschlechtlichen Menschen häufig ein.“ (TransInterQueer e.V.)

Die Pride-Flagge für inter Personen wurde 2013 von Morgan Carpenter von der „Organisation Intersex International Australia“ entworfen. Die Farben, lila und gelb, sind bewusst nicht als geschlechtsspezifische Farben, wie pink oder blau, gewählt.
„Der Kreis ist ununterbrochen und schmucklos und symbolisiert Ganzheitlichkeit und Vollständigkeit sowie unser Potenzial. Wir kämpfen nach wie vor für körperliche Autonomie und Unversehrtheit der Genitalien, und dies symbolisiert das Recht, so zu sein, wie wir sein wollen.“ (Morgan Carpenter)
Menschen, die nicht inter sind, sind „endo“ oder „endogeschlechtlich“. Endogeschlechtlichkeit wird in unserer Gesellschaft als „Norm“ angesehen und deshalb in der Regel nicht benannt („Endonormativität“). Es ist jedoch wichtig auch einen Begriff für diese Normativität zu haben, um nicht ausschließlich die „Abweichung“ von der Normsetzung zu benennen. Denn das stigmatisiert inter Personen als „anders“.
Manchmal wird als Gegenbegriff zu „inter“ auch „dyadisch“ verwendet. Die Wortherkunft beider Begriffe liegt im Altgriechischen. „Endo“ ist eine Vorsilbe für „innerhalb“; dyadisch bedeutet „einem Zweiersystem zugehörig“.
Links:
- Broschüre der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen - OII Germany e. V.: Inter* - Eine kurze Einführung, https://oiigermany.org/wp-content/uploads/2022/11/Inter-EineKurzeEinfuehrung-IVIM-OIIDE-2022-web.pdf
- Broschüre von TransInterQueer e.V.: Inter* & Sprache, https://www.transinterqueer.org/wp-content/uploads/2021/11/TrIQinfo-inter-u-sprache_2015.pdf
Bücher:
- "Inter* Pride. Perspektiven aus einer weltweiten Menschenrechtsbewegung", herausgegeben von Luan Pertl, Paul Haller und Tinou Ponzer, w_orten & Meer, 2022.
- „Inter. Ein Handbuch über Intergeschlechtlichkeit“, von Carolin Fritzsche, Querverlag, 2021.
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Nicht-binär
Nicht-binär (manchmal auch „nicht binär“, „nonbinär“, „non-binary“ oder „enby“) ist ein Sammelbegriff für alle, die sich im zwei-geschlechtlichen System (männlich oder weiblich) nicht wiederfinden. Darunter fallen bspw. Menschen, die sich als „weder-noch“, „zwischen“, „wechselnd“ oder gänzlich ohne Geschlecht identifizieren. Die Identifikation mit dem eigenen Geschlecht ist unabhängig von körperlichen Merkmalen (die gesellschaftlich als „männlich“ oder „weiblich“ kategorisiert werden) und sagt auch nichts über die sexuelle oder romantische Orientierung einer Person aus.
„Dass Menschen sich ihre Identität aussuchen, ist falsch. Menschen werden geboren, wie sie geboren werden und von der Gesellschaft in Rollen gepresst. Nichtbinäre Menschen sind nichtbinär und bei mir war es rückblickend in der Kindheit schon zu merken.“ (Luan, 36, Pronomen: they/them, dey/dem/deren)
Eine nicht-binäre Identität hat nichts mit dem biologischen Geschlecht einer Person zu tun. Nicht-binäre Menschen wurden meistens bei der Geburt einem binären Geschlecht zugeordnet und haben erst im Laufe des Lebens ihre nicht-binäre Identität entdeckt. Doch es gibt auch intergeschlechtliche Menschen, die sich als nicht-binär identifizieren.
Da die nicht-binäre Identität von dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht abweicht, fällt Nicht-Binarität unter den Oberbegriff der Transgeschlechtlichkeit, aber nicht alle nicht-binären Menschen bezeichnen sich selbst auch als trans.
„Mir fehlt ein Begriff, um mein Geschlecht zu benennen. Nicht-binär trifft insofern zu, als dass ich weder Mann noch Frau bin – es beschreibt aber nur, was ich nicht bin. Ich fühle mich abseits, als wäre ich zunächst geschlechtlos, eine leere Leinwand, die von anderen in der Vergangenheit bemalt wurde und deren Farbschichten ich vorsichtig abschleifen musste, um mich zu finden. Wenn ich mein Geschlecht malen würde, wäre es wahrscheinlich dunkelgrün.“ (Spencer, 33, Pronomen: dey/dem/deren)
Möglicherweise hat erst das in der Gesellschaft vorherrschende binäre Geschlechtsverständnis die Nicht-Binarität hervorgebracht. „Nicht-Binarität kann es ohne Binarität nicht geben. Sie ist die Verneinung von Binarität“, schreibt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Dagmar Pauli in ihrem Buch „Die anderen Geschlechter“. Nicht-Binarität kann nur im Verhältnis zur binären Geschlechterordnung erklärt werden. Doch auch wenn der Begriff relativ jung ist, nicht-binäre Menschen haben immer und überall existiert.
Bevor sich Menschen in Deutschland als nicht-binär bezeichneten, waren zum Beispiel die Begriffe „genderqueer“, „genderfluid“, „gender nonkonform“ oder „weder noch“ verbreiteter. Weitere Selbstbezeichnungen auf dem nicht-binären Spektrum waren und sind u.a.: bigender, pangender, agender, abinär, nongender, demigender und viele weitere.
Es gibt keine Regeln für ein nicht-binäres Aussehen. Nicht-binäre Menschen müssen nicht androgyn erscheinen oder ihre Geschlechtsidentität optisch ausdrücken.
„Nicht-binär ist mir als Selbstbezeichnung wichtig, weil ich damit alles beschreiben kann, was außerhalb des binären Schemas passiert. Es ist eigentlich ein wunderbar offener Begriff, der nichts festlegt. Leider wird ‚nicht-binär sein‘ (auch innerhalb der Community) meist mit einem sehr spezifischen Look und Habitus verbunden. Diese Stereotype entstammen fast immer einem weißen, jungen, schlanken Ideal. Das ist schade, weil nicht-binär eben keinen Look hat. Nicht-Binarität kann überhaupt nicht ‚aussehen‘ – andernfalls öffnet man wieder die binäre Schublade ‚binär vs. nicht-binär‘. (Kuni, 40, Pronomen dey/deren oder egal)
„Der Begriff „nicht-binär“ wird von Einigen als Bezeichnung ihrer Geschlechtsidentität genutzt, dient aber auch als Überkategorie für viele weitere Geschlechtsidentitäten. Diese können „sowohl Mann als auch Frau“, „weder Mann noch Frau“, genderfluid (Personen, deren Geschlechtsidentität sich verschiebt oder flexibel verändert, statt anhaltend gleich zu bleiben) und vieles mehr sein. Nicht-binäre Personen können außerdem gleichzeitig trans* und/oder inter* sein, müssen es aber nicht. Genauso können sich trans* und inter* Personen sowohl nicht-binär, als auch innerhalb des binären Schemas Frau/Mann (als auch ganz woanders) verorten.“ (TransInterQueer e.V.)
„Während in den Medien androgyne nicht-binäre Menschen überdurchschnittlich sichtbar werden, verorten sich in der Realität Menschen mit ganz verschiedenen Körperformen, Kleidungsstilen oder Frisuren außerhalb binärer Kategorien. Nichtbinarität ist valide, egal wie Menschen andere Personen wahrnehmen würden. Ob eine Person nicht-binär ist oder nicht, kann nur sie selbst wissen. Nichtbinarität will Genderkonzeptionen aufbrechen und keine neuen Schubladen schaffen.“ (LSVD Verband Queere Vielfalt)

Die nicht-binäre Pride Flagge wurde 2014 von Kye Rowan designet.
Zur Bedeutung der Farben: Gelb steht für Menschen außerhalb der binären Geschlechterordnung, Weiß für Menschen mit mehreren Geschlechtern, Lila für Menschen, die sich als Mischung aus männlich und weiblich identifizieren und Schwarz steht für agender Personen.
Links:
- LSVD Verband Queere Vielfalt: Fragen und Antworten zu nicht-binären Menschen, https://www.lsvd.de/de/ct/10964-Fragen-und-Antworten-zu-nicht-binaeren-Menschen
- Anja*Oliver Schneider: Nicht-Binär: Eine Einführung, https://www.am-schneider.com/nichtbinaer
- nibi.space: Das Nichtbinär-Wiki, https://nibi.space
Bücher:
- „Die Zukunft ist nicht binär“, von Lydia Meyer, Rowohlt Verlag, 2020.
- „Nicht binär leben“, von Birgit Palzkill, w_orten & meer, 2024.
- „Die anderen Geschlechter. Nicht-Binarität und
ganztrans* normale Sachen“, von Dagmar Pauli, C.H. Beck, 2023.
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Agender
Agender (manchmal auch genderfrei, genderless) steht für Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen oder sich als geschlechtslos verstehen. Teilweise wird agender als Aspekt nicht-binärer Geschlechtsidentitäten gesehen. Das ist jedoch umstritten, da viele agender Personen Geschlecht als Kategorie für sich ablehnen und entsprechend nicht geschlechtlich eingeordnet werden möchten. So verhält es sich auch mit der Oberkategorie von Transgeschlechtlichkeit. Zwar weicht das Geschlechtsempfinden von agender Personen bzw. dessen Abwesenheit von der binären Kategorisierung bei Geburt ab, doch nicht alle agender Personen verwenden das Label "trans" für sich.
„Ein häufiger Irrtum ist die Annahme, dass agender und trans* dasselbe seien. Während viele trans* Personen sich einem anderen Geschlecht zuordnen oder dieses annehmen, empfinden sich agender Menschen als komplett außerhalb dieser Kategorien. Sie identifizieren sich weder mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht noch mit einem anderen. Einige agender Personen verstehen sich dennoch als Teil der trans* Community, insbesondere wenn sie eine Veränderung ihrer Geschlechtsdarstellung anstreben. Doch der Hauptunterschied liegt darin, dass trans* oft eine Bewegung zwischen Geschlechtern beschreibt, während agender Menschen Geschlecht als irrelevant empfinden.“ (Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit e. V.)

Die Agender Pride Flagge wurde 2014 von Salem X entworfen.
Zur Bedeutung der Farben: Schwarz und Weiß stehen für die völlige Abwesenheit von Geschlecht, Grau für die partielle Abwesenheit von Geschlecht und Grün für Nicht-Binarität.
Links:
- dgti: Agender: Geschlechtsfreiheit einfach erklärt, https://dgti.org/2025/05/19/agender-einfach-erklaert
- Im kurzen Video von 2014(!) erzählt Ann-Sophie von der eigenen agender Identität:
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...und was heißt queer?
Der Begriff „queer“ ist vielschichtig und bewusst offen gehalten. Ursprünglich stammt das Wort queer aus dem Englischen und bedeutete so viel wie „seltsam“, „schräg“ oder „abweichend“. Lange Zeit wurde es als abwertende Fremdbezeichnung für lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und andere nicht-heteronormative Menschen verwendet. Seit den 1980er- und 1990er-Jahren wurde der Begriff insbesondere in aktivistischen und wissenschaftlichen Kontexten bewusst zurückerobert (Reclaiming). So eigneten sich beispielsweise AIDS-Aktivist*innen „queer“ als kämpferische Selbstbezeichnung an, um sich gegen Ausgrenzung, Normierungsdruck und die Vorstellung „normaler“ Sexualität und Geschlechtlichkeit zu wenden.
„Queer“ vermischt die Ebenen der sexuellen Orientierung (bspw. schwul, lesbisch, bi- oder pan- oder asexuell…) und der geschlechtlichen Identität (bspw. trans, nicht-binär, agender…) und vereint diese Kategorien, die analytisch zu unterscheiden sind, in einem Begriff. Damit wird der Fokus nicht primär auf individuelle Identität, sondern auf das Infragestellen gesellschaftlicher Normen rund um Geschlecht und Sexualität gerichtet. „Queer“ drückt entsprechend immer auch eine Haltung aus:
- ●sich gegen Heteronormativität zu stellen,
- ●starre Kategorien von Geschlecht und Sexualität zu hinterfragen,
- ●Sichtbarkeit für vielfältige Lebensweisen zu schaffen,
- ●und gesellschaftliche Machtverhältnisse zu kritisieren.
Für viele Menschen ist „queer“ also gleichermaßen ermächtigende Selbstbezeichnung wie politische Positionierung. Andere lehnen den Begriff jedoch ab, zum Beispiel wegen seiner diskriminierenden Geschichte („queer“ als beleidigende Fremdbezeichnung), weil sie eine konkrete Selbstbezeichnung (wie schwul oder lesbisch) bevorzugen (u.a. auch, weil lange für den Stolz auf diese Selbstbezeichnungen gekämpft wurde) oder weil sie sich ganz bewusst von der politischen Positionierung abgrenzen möchten. (Ein prominentes Beispiel für Letzteres ist AfD-Chefin Alice Weidel, die mit einer Frau verheiratet ist, aber die Fremdbezeichnung „queer“ klar ablehnt: Die sexuelle und/oder romantische Orientierung einer Person sagt nichts über ihre politische Haltung aus.)
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Alltägliche Herausforderungen und strukturelle Diskriminierung
Menschen, die nicht in die binäre Kategorie von männlich oder weiblich passen oder von anderen als nicht passend bezeichnet werden, begegnen im Alltag zahlreiche Hürden bis hin zu struktureller Diskriminierung. Im Folgenden sollen einige Bereiche näher beleuchtet werden.
SchuleSchule
„Eine verbindliche Verankerung der Themen muss in schulischen Curricula angestoßen werden. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt sollte im Unterricht ein altersgerecht vermitteltes Querschnittsthema vom Deutsch- bis zum Geschichtsunterricht sein. Denn sexuelle und geschlechtliche Identität frei leben zu können, ist ein Menschenrecht.“ (Antidiskriminierungsstelle des Bundes)
Die Schulzeit ist für fast alle Menschen eine prägende Zeit. Neben fachlichem Wissen werden in der Schule auch Norm- und Wertvorstellungen vermittelt, nicht nur durch die Lehrkräfte im Unterricht, sondern vor allem auch im sozialen Gefüge unter Gleichaltrigen. Der Schulalltag ist bis heute häufig stark heteronormativ geprägt, Kinder und Jugendliche (und auch Lehrkräfte!), die nicht hetero und/oder cisgeschlechtlich sind, machen vielfach Ausgrenzungserfahrungen. „Für viele LSBT* Jugendliche sind Schulen, Ausbildungs- und Arbeitsorte problembelastete Umfelder. Menschen, deren geschlechtliches Auftreten nicht mit gesellschaftlich erwarteten ‚weiblichen‘ oder ‚männlichen‘ Rollenbildern übereinstimmt, erleben zum Teil schon seit Beginn ihrer Schullaufbahn Mobbing“, stellte das Deutsche Jugendinstituts in einer Studie 2015 fest.
Schule ist bis heute vielfach rein binär organisiert. Von Räumlichkeiten (z.B. Toiletten, Umkleideräume), über bestimmte Unterrichtsmodelle (teilweise getrennter Unterricht in Sport oder Sexualkunde), bis hin zur Sprache (sogenannte „Genderverbote“). Trans, inter und nicht-binäre Kinder und Jugendliche stoßen entsprechend oft an Grenzen, beispielsweise, wenn sie nicht wissen, welche Toilettenräume sie benutzen können oder wenn auf der Klassenfahrt die Zimmer zugeteilt werden. Auch akzeptieren nicht alle Lehrkräfte und Mitschüler*innen selbstgewählte Namen und Pronomen.
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz gilt nicht in Schulen. Zwar sind die Rechte von Menschen aller Geschlechter auch an Schulen durch das Grundgesetz geschützt, es ist jedoch für Betroffene sehr schwer, sich gegen Ausgrenzung und Diskriminierung zu wehren. Somit hängt es stark von der jeweiligen Schulleitung, dem Kollegium und engagierten Einzelpersonen in der Schülerschaft und / oder Elternvertretung ab, ob sich trans, inter und nicht-binäre Kinder und Jugendliche akzeptiert, sicher und wohlfühlen.
Weiterlernen:
- Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Schulunterricht
- SCHLAU Niedersachsen: Geschlechtliche Vielfalt im Klassenzimmer. Infobroschüre zur Begleitung von trans*, inter* und nicht-binären Jugendlichen in der Schule
- Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: Gender & Diversity Praxisfragen
SportSport
Kaum ein Bereich des öffentlichen Lebens wird stärker mit der binären Geschlechtertrennung verbunden als der Sport. Während Kinder bis zu einem gewissen Alltag noch teilweise gemeinsam trainieren dürfen, wird spätestens ab der Pubertät strikt getrennt. Begründet wird das in der Regel mit unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen. Männer seien stärker, schneller, ausdauernder als Frauen, ein gemeinsamer Wettkampf sei deshalb unfair. Doch auch in Sportarten wie Schach, Schießen oder Darts treten Frauen und Männer in den meisten Wettbewerben getrennt an. Während heute häufig argumentiert wird, die Geschlechtertrennung diene dem Schutz der Frauen, wurde sie ursprünglich eingeführt, um weiblichen Athletinnen aus dem „Männersport“ rauszuhalten (DOSB: Vom Ausschluss zur Integration? Frauen und Olympische Spiele).
Doch Sport ist vielmehr als olympischer Wettkampf. Er bedeutet Spaß, Gesundheitsförderung, Ausgleich im Alltag Gemeinschaft und vieles mehr. Doch für trans, inter und nicht-binäre Menschen ist Sport häufig mit zahlreichen Zugangshürden und diskriminierenden Erfahrungen verbunden. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zusätzlich zu genereller Queer- und Transfeindlichkeit, die in allen gesellschaftlichen Bereichen vorkommt, stehen beim Sport Körper besonders im Fokus. Körper, die von einer binärgedachten Norm abweichen, haben hier oft einfach keinen Platz. Das zeigt sich an Ausschlüssen von inter Athlet*innen von Wettkämpfen (das vielleicht prominenteste Beispiel ist die südafrikanische Läuferin Caster Semanya), aber auch im Breitensport, wo von der Sportkleidung, über die Umkleidekabinen, bis zu den Ligen und Wettkampfklassen alles rein binär organisiert ist. Ob Vereine, Fitnessstudios, Kampfsportschulen, Schwimmbäder oder Kletterhallen, meist erfordert bereits die Anmeldung eine geschlechtliche Einteilung nach „männlich“ oder „weiblich“. Bei Menschen, die nicht cis- oder endogeschlechtlich sind, stellt sich nicht nur die Frage, was in ihrem Ausweisdokument angegeben ist, sondern auch, ob ihre äußere Erscheinung dem „ausreichend“ entspricht, das heißt, ob sie von anderen tatsächlich als Mann oder Frau anerkannt werden. Insbesondere trans Frauen erleben immer wieder Ausschlüsse, wenn Dritte sie als nicht weiblich genug ansehen.
Die seit einigen Jahren mitunter äußerst gewaltvoll geführte Debatte über „trans Frauen im Frauensport“ schadet zusätzlich: Die Unterstützung für trans Sportler*innen, die nicht in dem Geschlecht antreten, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, ist zwischen 2021 und 2024 um 5 Prozentpunkte auf 27 % gesunken (IPSOS Pride-Umfrage).
Während sich auf internationaler Ebene zunehmend Ausschlüsse und Restriktionen zeigen, arbeiten einige Sportverbände und -vereine in Deutschland an genderinklusiven Lösungen:
- Seitenwechsel e.V.: Charta für geschlechtliche Vielfalt im Sport
- Berliner Fußball-Verband: Spielrecht für trans, inter und nicht-binäre Menschen im Fußball
- Konferenz der Sportministerinnen und Sportminister (SMK): „Bremer Erklärung“ zu sexueller Vielfalt und geschlechtlicher Identität im Sport
- Rubicon Köln: Trans & inter Schwimmen
Weiterlernen:
- Landeskoordination Trans* NRW: Teilhabe von trans* und nicht-binären Menschen am Sport (Download startet automatisch)
- Edition F: Interview mit Julia Monro „Niemand macht eine Transition, um Frauenwettkämpfe zu gewinnen!“
- Seitenwechsel e.V.: Geschlechterhürden abbauen - Sport für alle Kinder und Jugendlichen ermöglichen
GesundheitswesenGesundheitswesen
Lange orientierte sich die medizinische Wissenschaft an einem männlichen Idealtyp, das hat Auswirkungen bis heute. Nicht nur sind Krankheiten oder Symptome, die überwiegend Frauen betreffen, häufig weniger erforscht, auch die Auswirkung von Behandlungen wurde lange nur an als männlich kategorisierten Körpern untersucht. Mit dem sogenannten Gender-Data-Gap wird auf den Mangel geschlechtsspezifischer Daten hingewiesen. Doch es ist nicht nur die Fokussierung auf den „männlichen“ Körper, die allen Menschen schadet, deren Körper vom Idealtypus abweicht, es ist die rein binäre Logik selbst. Menschen, die nicht in diese Logik passen, also trans, inter und nicht-binäre Personen, begegnen in Medizin und Gesundheitswesen alltägliche Hürden bis hin zur strukturellen Diskriminierung.
Wie der Sport ist auch die Medizin ein Feld, in dem der Körper einer Person häufig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Bereits der Empfang in der ärztlichen Praxis kann zur diskriminierenden Erfahrung werden. Wenn der Name auf der Versichertenkarte nicht zum Geschlechtsausdruck der Person zu passen scheint, reagieren Sprechstundenhilfen mitunter unsensibel. Auch das Aufrufen der Patient*innen im Wartezimmer erfolgt in vielen Praxen noch als „Herr“ oder „Frau“. Während der Behandlung selbst, ein meist ohnehin vulnerabler Moment, müssen trans und inter Personen noch häufig sehr intime Fragen beantworten, die cis- bzw. endogeschlechtlichen Patient*innen so nicht gestellt werden. Zum Teil wird die Geschlechtsidentität selbst zu Symptom oder Ursache einer Erkrankung erklärt – die Pathologisierung von Transgeschlechtlichkeit ist leider bis heute verbreitet (bis 2018 wurden trans Personen in den Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO noch als „mental- oder verhaltensgestört“ geführt).
Auch im Hinblick auf Diagnostik und Behandlung erfahren trans und inter Personen Benachteiligung. So werden beispielsweise Befunde einer Laboruntersuchung auf Basis der Sozialversicherungsnummer bestimmten Referenzwerten zugeordnet. Die Sozialversicherungsnummern sind entweder „männlich“ oder „weiblich“, entsprechend passen die Referenzwerte nicht unbedingt zum Körper der Patient*innen. Das muss medizinisches Personal wissen, um adäquat beraten und behandeln zu können.
Trans, inter und nicht-binäre Menschen haben, wie alle Menschen, ganz unterschiedliche gesundheitliche Bedürfnisse. Sie suchen ärztlichen Rat bei Grippe oder Zahnschmerzen und nicht alle Belange haben einen Bezug zur eigenen Geschlechtsidentität. Spezifische Versorgungsbedarfe von tin Personen, wie geschlechtsangleichende Hormontherapien oder Operationen sind mit hohen Zugangshürden verbunden. Mehr dazu ist nachzulesen im Leitfaden Transgesundheit herausgegeben vom Bundesverband Trans*, der die S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) kommentierend einordnet.
Weiterlernen:
- Vorschläge, wie Medizin und Gesundheitsdienste trans Patient*innen sensibel und diskriminierungsfrei begegnen können, ist in der Broschüre „Trans* Patient*innen willkommen. Informationen für den Praxisalltag – für Ärzt*innen und medizinisches Fachpersonal“ zusammengefasst.
- Inter* NRW veröffentlicht unter https://inter-nrw.de/category/medical-workers Informationen speziell für medizinisches oder pflegerisches Fachpersonal.
- TransInterQueer e.V. und Verein intergeschlechtlicher Menschen in Österreich: Inter* -Informationen für Ärzt_innen, Therapeut_innen & andere pflegende und medizinische Berufsgruppen
- Bundesverband Trans*: Aufklärungsvideo zum Thema trans* und inter* im Gesundheitswesen
ElternschaftElternschaft
Im Bereich Elternschaft und Geburtshilfe zeigen sich Ausschlüsse und Diskriminierungen gegenüber trans, inter und nicht-binären Personen in besonders verdichteter Form, weil hier Geschlecht, Körper, Reproduktion und normative Vorstellungen von Familie eng miteinander verknüpft sind. Schwangerschaft, Geburt und Stillen werden meist automatisch mit „Frau-sein“ gleichgesetzt, doch auch inter, nicht-binäre und trans männliche Personen werden schwanger und bringen Kinder zur Welt. Doch die Angebote für Vorbereitungskurse, Geburtshilfe oder Stillberatung adressieren in den allermeisten Fällen nur cis Frauen (und ihre cis männlichen Partner). Anmeldebögen, Elternpässe und Klinikunterlagen sind binär und auf „Mutter/Vater“ ausgerichtet. Für Eltern, die nicht in das normative Schema passen, bedeutet das, entweder mit einer falschen Fremdzuschreibung leben zu müssen, sich zu outen und / oder mit Irritation bis hin zu offen geäußerter Ablehnung konfrontiert zu werden.
Während bei cis geschlechtlichen, heterosexuellen Paaren das weibliche Elternteil automatisch als „Mutter“ und das männliche Elternteil als „Vater“ in die Geburtsurkunde des Kindes eingetragen werden, werden trans Eltern hier strukturell benachteiligt. Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB §§ 1591 ff) ist geregelt, dass die „Mutter eines Kindes (…) die Frau“ ist, „die das Kind geboren hat.“ Entsprechend werden auch trans Männer als „Mutter“ in die Geburtsurkunde ihres Kindes eingetragen, ganz unabhängig von ihrem amtlichen Geschlechtseintrag. Zweiter Elternteil in der Geburtsurkunde eines Kindes kann grundsätzlich nur eine Person werden, die zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes einen männlichen Geschlechtseintrag hat. Mehr dazu hier: https://sbgg.info/artikel-11
Bürokratische Hürden tauchen auch im weiteren Verlauf der Elternschaft immer wieder auf. Denn durch die Diskriminierung im Abstammungsrecht (also die rechtliche Eltern-Kind-Zuordnung) haben viele trans, inter und nicht-binäre Eltern keine Dokumente, die ihre Elternschaft einfach nachweisen. So stimmen beispielsweise die eigenen Ausweisdokumente nicht mit den Angaben in der Geburtsurkunde des Kindes überein, was zu Problemen bei Ämtern und Behörden, aber auch auf Reisen führen kann. Die Eltern müssen sich dann regelmäßig erklären und das eigene trans sein offenlegen.
Weiterlernen:
- Auf Klo (ZDF): Gespräch mit trans Vater Brix (Video)
- Tipps für trans und nicht-binäre Eltern finden sich in der Broschüre „Trans* mit Kind“
- Erfahrungsberichte von trans Eltern hat das Projekt „Trans*Elternschaften“ gesammelt.
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Mehrfachmarginalisierung und Intersektionalität
Im Zusammenhang mit geschlechtlicher Vielfalt sind Mehrfachmarginalisierung und Intersektionalität zentrale Konzepte, um Diskriminierung realistisch zu verstehen.
➕ Mehrfachmarginalisierung
Das Wort „Marginalisierung“ kommt von lateinisch margo = „Rand“ und bedeutet die Verdrängung von Personengruppen an den Rand der Gesellschaft. Der Gegenbegriff ist „Privilegierung“ (von lateinisch privilegium „Vorrecht, Ausnahmegesetz“), also das Besserstellen von Gruppen aufgrund bestimmter Merkmale.
Mehrfachmarginalisierung beschreibt, dass eine Person nicht nur aufgrund eines einzelnen Merkmals benachteiligt wird, sondern aufgrund mehrerer gleichzeitig. Eine trans Person kann zum Beispiel zusätzlich Rassismus, Ableismus (Benachteiligung oder Abwertung aufgrund einer Behinderung) oder Klassismus (Benachteiligung oder Abwertung aufgrund des sozialen/finanziellen Status) erfahren. Diese Diskriminierungen wirken nicht unabhängig voneinander, sondern überlagern und verstärken sich. Die betroffene Person ist also nicht nur mehrfach diskriminiert im Sinne einer bloßen Addition, sondern erlebt eine spezifische Form von Ausschluss, die aus dem Zusammenwirken verschiedener Machtverhältnisse entsteht.
🔗 Intersektionalität
Intersektionalität ist das aus dem Schwarzen Feminismus stammende Analysekonzept, mit dem diese Überschneidungen sichtbar gemacht werden. Der Begriff geht davon aus, dass Kategorien wie Geschlecht, Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung, Herkunft, Behinderung oder soziale Lage (Klasse) untrennbar miteinander verflochten sind. Intersektional zu denken bedeutet, nicht nur einzelne Diskriminierungsformen isoliert zu betrachten, sondern ihre Wechselwirkungen mitzudenken.
Für die Auseinandersetzung mit geschlechtlicher Vielfalt heißt das: Es gibt keine „eine“ Erfahrung von trans, inter oder nicht-binär zu sein. Lebensrealitäten unterscheiden sich erheblich je nach weiteren sozialen Positionierungen.
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Vom queeren Kapital und Kolonialismus
Normschönheit und auch queere Ästhetik reproduzieren Rassismus, Fettfeindlichkeit, Ableismus und Trans*feindlichkeit. Ein Gastbeitrag von Yassamin-Sophia Boussaoud.
Ich bin eine 32 Jahre alte, deutsch-tunesische, Braune, queere, fette, nicht binäre trans* Person. In einer postkolonialen Gesellschaft hätten diese Label keine Bedeutung mehr. Doch unsere Gesellschaft ist vieles, aber definitiv nicht postkolonial. Queere Menschen sind keine moderne Entwicklung. Uns gab es schon immer. Die ersten Aufzeichnungen queerer Menschen reichen weit zurück. Und sie finden sich vor allem in indigenen, Schwarzen und Braunen Kulturen.
Queerness ist nicht weiß. Und war es nie. Dennoch definieren wir sie heutzutage in einem Rahmen, der weiße Schönheitsideale zentriert und zelebriert. Visible Queerness ist ein zentraler Begriff. Doch was bedeutet diese „sichtbare Queerness“? Die durchschnittliche queere, Repräsentation ist weiß, dünn, androgyn und zeigt sich als „sichtbar queer“. Dazu gehören bestimmte Kleidung und Accessoires aber auch kulturelle Aspekte wie Musik und Kunst und auch explizit queere Veranstaltungen. Queerness ist längst subkulturelles Kapital. Und zu dieser Art Kapital haben vor allem jene queeren Menschen, die mehrfach marginalisiert sind kaum bis keinen Zugang. Schwarze, Braune, sichtbar und nicht sichtbar behinderte, dicke, fette, dick_fette, mehr- und hochgewichtige, nicht binäre, trans* Personen. Denn auch die queere Community ist nicht frei von Diskriminierungsformen. Ganz im Gegenteil. Manchmal verhindert die Fokussierung auf die eigene Diskriminierung die radikale Auseinandersetzung mit der eigenen problematischen Sozialisierung und den eigenen Privilegien.
In queeren Räumen sind mehrfach marginalisierte Menschen nicht sicher. Als fette, Braune, nicht binäre, trans* Person entspreche ich nicht dem, was als gesellschaftlich wertvoll angesehen wird. Und das gilt auch für den subkulturellen, queeren Raum. Ich gelte nicht als schön, werde überwiegend fetischisiert oder asexualisiert, habe kaum Zugang zu queerer Ästhetik und aufgrund meines fetten Körpers wird mir meine Genderidentität abgesprochen. Mein Körper ist groß, fett, rund, weich, mit sichtbar großen Brüsten. Ich werde weiblich misgendert. Oder mit dem vielleicht gut gemeinten aber definitiv nicht guten „Frauen*“ mitgedacht. Die Fettfeindlichkeit und Transfeindlichkeit, die mir entgegenschlägt, ist eine Weiterführung von Anti-Schwarzem Rassismus. Denn was als ästhetisch, als schön, als „gesund“, als weiblich und männlich, letztendlich als menschlich wertvoll gilt, wurde im Kolonialismus etabliert. Als Rechtfertigung für Kolonialverbrechen. Und dieses Gedankengut zieht sich bis heute durch alle Gesellschaftsbereiche und dominiert die queere Community, die vieles aber definitiv nicht postkolonial ist. Und das muss anerkannt und radikal aufgearbeitet werden.
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„Es lässt sich sehr wenig verallgemeinern bei dem Thema“
Interview mit Léan Maurer von TransInterQueer e.V. (TrIQ)
Léan Maurer (keine Pronomen) ist inter*, nicht-binär, weiß und in den 1990ern in einem Dorf in Süddeutschland aufgewachsen. Seit über zehn Jahren wohnt Léan in Berlin und hat dort Soziale Arbeit studiert und eine psychotherapeutische Ausbildung begonnen. Seit drei Jahren arbeitet Léan bei TrIQ e.V. und berät inter* Personen, organisiert Gruppentreffen und Bildungsangebote.
Die UN schätzen die Anzahl intergeschlechtlicher Menschen auf bis zu 1.7%. Das wäre circa jede 59. Person. Für mich bedeutet das: Allein in der Straße, in der ich wohne, müssten demnach mindestens 10 intergeschlechtliche Personen wohnen. Oder wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke: In meinem Jahrgang müssten mindestens zwei intergeschlechtliche Personen gewesen sein.
Nun ist es aber so, dass zum einen Intergeschlechtlichkeit an vielen Orten gesellschaftlich immer noch extrem tabuisiert ist und kaum besprochen wird. Und dazu kommt, dass es auch viele Menschen gibt, die zwar eine Variation der Geschlechtsmerkmale haben, sich aber nicht mit dem Begriff intergeschlechtlich oder inter* beschreiben. Andersherum gibt es auch Personen mit Variationen der Geschlechtsmerkmale, die sich als inter* beschreiben aber vermutlich in den 1.7% nicht enthalten sind. Hier meine ich vor allem Menschen, die hormonelle Variationen haben, deren Variation noch überhaupt nicht erforscht ist oder die auch erst spät oder vielleicht gar nicht im Leben herausfinden, dass sie eine Variation haben. Hier ist die Schwierigkeit, dass Intergeschlechtlichkeit fast ausschließlich von Ärzt*innen definiert wird. Das sogenannte PCOS beispielsweise – eine hormonelle Variation, die zwischen 6 und 20% der Menschen betrifft, die bei Geburt weiblich zugewiesen wurden – ist in der momentan gültigen ärztlichen Auflistung von Variationen überhaupt nicht enthalten („Chicago Konsensus Klassifikation“).
Das heißt: Eigentlich bringt uns diese Zahl nicht so viel, denn sie sagt uns kaum etwas über die Menschen aus, die sie eigentlich beschreiben soll. Und wenn wir sie in einen Kontext mit beispielsweise rotem Haar stellen, blicken wir mit einer sehr weiß gefärbten Brille auf Intergeschlechtlichkeit. Denn selbstverständlich gibt es auch schwarze, indigene und Personen of Colour, die Variationen der Geschlechtsmerkmale haben. Und für die das Zusammenspiel von weißer und auch endotypischer Vorherrschaft nochmal ganz eigene Erfahrungen hervorbringen kann. Diese Erfahrungen drohen so unsichtbar zu werden.
So ganz grundsätzlich ist es wichtig, im Kopf zu behalten, dass die verschiedenen Variationen der Geschlechtsmerkmale schon auf körperlicher Ebene wirklich total verschieden sind und somit die Lebenserfahrungen von den jeweiligen Personen natürlich auch. Das heißt: es lässt sich sehr wenig verallgemeinern bei dem Thema.
So ein paar falsche Annahmen sind beispielsweise, dass wir Intergeschlechtlichkeit unseren Mitmenschen ansehen könnten. Oder, dass inter* Personen auch selbst immer und auch schon früh darüber Bescheid wüssten. Es gibt Kinder, die zur Welt kommen und sofort wird eine Variation der Geschlechtsmerkmale erkannt. Möglicherweise wird Intergeschlechtlichkeit dann auch schon früh in der Familie thematisiert oder aber es finden frühe Menschenrechtsverletzungen statt. Es gibt aber auch Personen, bei denen die jeweilige Variation erst in der Pubertät sichtbar wird. Oder auch Personen, deren Variation sich nur auf einer bestimmten chromosomalen Ebene abspielt und somit erst spät im Leben zufällig auftaucht.
Und ähnlich verhält es sich dann mit der Identität: Auch die können wir bei Menschen nicht erraten: Manche Personen mit Variation identifizieren sich überhaupt nicht als queer und beschreiben ihre Identität als eindeutig weiblich oder männlich. Andere verorten sich im nicht-binären oder trans* Spektrum und beschreiben vielleicht auch Ihre sexuelle Orientierung als queer.
Ich denke, je mehr Platz wir in unseren Köpfen aber auch in unserer Sprache, unseren Medien, unserem täglichen Beisammensein für die vielen verschiedenen inter* Perspektiven schaffen, desto mehr lernen wir auch darüber und desto sichtbarer werden inter* Lebenswelten.
Ich kenne viele inter* Personen, die über die Möglichkeit des Personenstandes „divers“ sehr glücklich sind und diese Option auch gleich für sich genutzt haben. Ich eingeschlossen. Übrigens darf an der Stelle auch erwähnt werden, dass es eine inter* Person war, die dies mühevoll vor Gericht erstritten hat!
Für viele bedeutet der Personenstand „divers“, aus der Unsichtbarkeit herauszutreten und so für bestimmte Rechte besser einstehen zu können. Beispielsweise fühlt es sich für mich jetzt mit dem diversen Personenstand leichter an, eine geschlechtsneutrale Ansprache beispielsweise bei der Ärzt*in einzufordern. Es gibt mich jetzt rechtlich und somit besteht auch eine Verantwortung, meine Lebensrealität zu beachten.
Das hat aber zunächst kaum eine Auswirkung auf alltägliche Diskriminierungsformen zum Beispiel bei der Wahl der öffentlichen Toilette, der unzureichenden gesundheitlichen Versorgung oder der Arbeits- oder Wohnraumsuche.
Unser Angebot richtet sich an Menschen, die intergeschlechtlich sind oder sich fragen, ob sie es sein könnten. In der Beratung ist oft Thema, wie eine Person überhaupt herausfinden kann, ob sie inter* ist. Und dann auch, was das eigentlich für das weitere Leben und soziale Umfeld bedeutet. Oftmals kommt aber auch die Vergangenheit ins Spiel: Menschen fragen sich zum Beispiel, ob ihre Intergeschlechtlichkeit eigentlich bei Geburt schon sichtbar war und sie dadurch möglicherweise Menschenrechtsverletzungen in Form von uneingewilligten Eingriffen erlebt haben. Und dann im nächsten Schritt vielleicht auch, wie sie an Informationen darüber kommen können. Dazu kommt auch das Thema medizinische Versorgung: Wie finde ich eine*n Ärzt*in, die sich ausreichend mit Intergeschlechtlichkeit auskennt und meine Bedarfe gemeinsam mit mir in den Blick nimmt?
Zunächst ein kleiner Disclaimer: Es gibt viele Menschen mit Variationen, die diese Art von Austausch aus verschiedenen Gründen gar nicht wahrnehmen. Vielleicht fühlen sie sich in anderen Gruppen vollkommen aufgehoben. Oder vielleicht haben sie trotz ihrer Variation kaum Erfahrungen gemacht, die sie als inter* spezifisch beschreiben würden. Oder aber sie sind von weiteren Diskriminierungsformen betroffen, die in den momentan vorhandenen inter* Angeboten leider noch nicht ausreichend berücksichtigt werden.
Und dennoch: Einige Erfahrungen von inter* Personen unterscheiden sich deutlich von den Erfahrungen von endotypischen nicht-binären und trans* Personen. Obwohl inter* Personen natürlich auch nicht-binär oder trans* sein können.
Inter* Personen machen oft schon in früher Kindheit oder Jugend die Erfahrung, dass der eigene Körper massiv abgewertet, verletzt und diskriminiert wird. Ihnen wird erzählt oder suggeriert, dass sie ganz anders seien als andere, dass es niemanden wie sie gibt und sie die eigene Intergeschlechtlichkeit auf jeden Fall verbergen müssten. Zum Teil wurden inter* Personen massiven Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt und ihre Körper ohne Einwilligung, teilweise heimlich, verändert.
Aber selbst wenn dies nicht der Falls war: Eine Gesellschaft, die jede Interaktion bis ins kleinste Detail binär vergeschlechtlicht hat, wo ich mir kaum ein Paar Socken kaufen kann, ohne daran erinnert zu werden, dass einfach alles in männlich oder weiblich eingeordnet wird und es mich eigentlich gar nicht geben dürfte, löst Dauerstress aus.
Das Wissen über diese Erfahrungen und auch die Auswirkung davon sind gesellschaftlich leider noch kaum vorhanden. Auch in queeren Räumen nicht. Das ist ja eine tägliche Erfahrung, die wir machen.
Einen Raum zu schaffen, wo Menschen aufeinandertreffen, die auf ähnliche Weise davon betroffen sind, kann sehr heilsam und empowernd sein. Plötzlich ist da ein ganzer Raum voll mit Leuten wie uns und für einen kurzen Moment ist dieser Stress weg.
Das ist gar nicht so leicht zu sagen, denn viele inter* Kämpfe in der Geschichte der Menschheit wurden unsichtbar gemacht. Ich denke hier beispielsweise an all die indigenen inter* Personen, die auf besonders brutale Weise vom Kolonialismus betroffen waren, aber sich sicherlich auch dagegen gewehrt haben. Das erste Mal darüber gelesen habe ich in einem Kapitel von Nick Manchester in dem Buch „The Spectrum of Sex“ von Hida Viloria und Maria Nieto.
Für viele inter* Personen heutzutage zentral ist gewiss der gesellschaftliche und vor allem medizinische Umgang mit Intergeschlechtlichkeit. Wir haben in Deutschland seit 2021 ein Gesetz, das die Einwilligung in Eingriffe bei intergeschlechtlichen Kindern regelt. Das war zentral im Kampf gegen diese uneingewilligten und menschenrechtsverletzenden Operationen. Viele inter* Aktivist*innen haben jahrelang dafür gekämpft. Allerdings handelt es sich hier – anders als das umgangssprachliche Wort „OP-Verbot“ suggeriert - um eine gesetzliche Regelung, die viel zu leicht umgangen werden kann und die nicht einmal in den medizinischen Leitlinien korrekt berücksichtigt wird.
Somit ist nach wie vor zentral die Forderung, intergeschlechtliche Körper nicht zu pathologisieren und vor allem nicht uneingewilligt bei Minderjährigen zu verändern. Und gleichzeitig fordern wir, dass inter* Personen auf dem Transspektrum dahingegen ein vollumfassende Gesundheitsversorgung ermöglicht wird, was zurzeit durch die gültigen Behandlungsrichtlinien des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen verunmöglicht wird. Und sicherlich sind wir auch noch lange nicht an einem Punkt angekommen, wo Intergeschlechtlichkeit nicht mehr als Krankheit oder Störung bezeichnet wird, sondern als gesunde körperliche Variation.
Das ist eine gute Frage und soll 2026 auch von der Bundesregierung evaluiert werden. Denn wie schon erwähnt: Das Gesetz verbietet Operationen an intergeschlechtlichen Kindern nicht, es regelt nur, wer wann dazu einwilligen kann.
Zusammengefasst verhält es sich so: Medizinische Eingriffe, die zu einer binären Anpassung des körperlichen Erscheinungsbildes eines intergeschlechtlichen Kindes führen („Verweiblichung“ oder „Vermännlichung“), nur dann erlaubt sind, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht oder aber „ein weiterer wichtiger Grund“ hinzu kommt. Dass diese schwammige Formulierung dazu führt, dass Operationen an intergeschlechtlichen Kindern weiter durchgeführt werden, wissen wir spätestens seit der Stellungnahme von Prof. Dr. Anna Katharina Mangold und Nick Markwald zur diesbezüglichen gerichtlichen Entscheidungspraxis.
Das heißt: Es ist seitdem schwieriger, solche Operationen durchführen zu lassen. Eltern müssen dazu erst ein Familiengericht überzeugen, dass der Eingriff notwendig ist. Hierbei können aber durchaus fadenscheinige Argumente erfolgreich vorgebracht werden. So zu Beispiel die Sorge, das Kind könne nicht im Stehen pinkeln, es würde gehänselt werden oder könne keinen „normalen“ Geschlechtsverkehr haben, was auch immer das bedeuten soll.
Ich denke das Wichtigste haben Eltern eigentlich fast immer im Gepäck: Liebe und Fürsorge für ihr Kind. Die wenigsten Eltern kommen ohne gesellschaftlichen Druck auf die Idee, ihr Kind einer unnötigen Operation zu unterziehen. Und Eltern, die nicht dauernd erklären müssen, welches Geschlecht oder Genitalien ihr Kind hat, die auf Erzieher*innen, Lehrer*innen, Freund*innen stoßen, die über Intergeschlechtlichkeit Bescheid wissen und die vielleicht sogar intergeschlechtliche Erwachsene kennen, die offen über das Thema sprechen, werden eine gute Basis haben, ihr intergeschlechtliches Kind durch das Leben zu begleiten. Es sind erst gesellschaftliche Normen von binär verstandener sogenannter „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“, die zu so viel Leid bei diesen Familien führen. Also kurz gesagt: Diese Familien brauchen ein Umfeld, das Intergeschlechtlichkeit nicht pathologisiert, sondern normalisiert.
Steht für die Rechte von inter* Personen ein! Für unser Recht auf Unversehrtheit, unser Recht auf Selbstbestimmung, auf medizinische Versorgung, die zu uns passt, auf Repräsentation und Teilhabe. Denkt unsere Bedarfe mit, sprecht über Intergeschlechtlichkeit, bildet Euch fort, hinterfragt binäre Darstellungen von Geschlecht. Ganz konkret heißt das: Die medizinischen Leitlinien für Intergeschlechtlichkeit sind nach wie vor menschenrechtsverletzend und müssen verändert werden. Die Begutachtungsrichtlinien vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen müssen endlich inter* Personen ein- statt ausschließen. Queere, inklusive Bildungsarbeit muss weiter stattfinden, damit Kinder schon in der Schule lernen, dass Intergeschlechtlichkeit ein normaler Teil körperlicher Vielfalt ist. Mediziner*innen müssen sich dringendst fortbilden und von ihrem pathologisierenden Gedankengut Abstand nehmen, um zu einer Gesundheitsversorgung beizutragen, die der Gesundheit von inter* Personen dient. Und nicht ihrer Unsichtbarmachung.
Leider muss ich darüber echt eine Weile nachdenken. Was mir aber einfällt ist, dass es an einigen Orten mittlerweile geschlechtsneutrale „All Gender Toiletten“ gibt, die zumindest eine gewisse Diskriminierungslast von inter* Personen nimmt. Außerdem vorbildlich fand ich die Inter*-Sichtbarkeitskampagne der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung, die sich in Zusammenarbeit mit inter* Personen für mehr Sichtbarkeit und Aufklärung eingesetzt hat. Die dazugehörigen Materialen können aufgehängt werden und sind auch eine Möglichkeit, im eigenen Arbeitsalltag für inter* Sichtbarkeit zu sorgen. Es gibt auch einige empfehlenswerte Bücher, Broschüren und Filme, mit denen Menschen sich und ihr Umfeld informieren können.
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Pride-Flaggen Memory
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