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Was ist Geschlecht?
Die Definition von Geschlecht ist gar nicht so einfach, denn das Wort hat unterschiedliche Bedeutungen. So kann das Wort als biologische Ordnungskategorie verstanden werden, als soziale Markierung oder auch als Synonym für das menschliche Genital.
Im Folgenden wird ein differenzierter Blick auf Geschlecht geworfen, ohne den Anspruch auf eine abschließende Definition.
Geschlecht als Ordnungskategorie in der Biologie
Im Onlinelexikon der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaften“ wird Geschlecht definiert als Unterscheidung zwischen Organismen, die unterschiedliche Keimzellen (Gameten) bilden. Männlich sind demnach diejenigen, die viele kleine, bewegliche Gameten (Spermien) produzieren, weiblich sind diejenigen, die wenige, große, nährstoffreiche Gameten (Eizellen) bilden.
Die Biologie unterscheidet beim Menschen nach genetischem bzw. chromosomalem Geschlecht (XY ♂, XX ♀), Gonaden-Geschlecht (Hoden ♂, Ovar ♀) und Genital-Geschlecht (äußere Genitalien, Penis ♂, Vulva ♀). Letzteres ist in der Regel ausschlaggebend für den Standesamtseintrag eines Neugeborenen.
Für Menschen, bei denen genetisches Geschlecht, Gonaden-Geschlecht und Genital-Geschlecht nicht übereinstimmen, bzw. nicht eindeutig in eine binäre Kategorie passen (männlich oder weiblich), gibt es in der Biologie die Bezeichnung „Intergeschlechtlichkeit“ oder auch „Intersexualität“. Das ist ein zusammengesetztes Wort aus dem Lateinischen und würde übersetzt so etwas wie „Zwischengeschlechtlichkeit“ bedeuten. (Es ist wichtig hier sehr genau zu unterscheiden von biologischen Fachbegriffen und der Bezeichnung von lebenden Menschen, mehr dazu in Kapitel 2 zu Intergeschlechtlichkeit.)
Der Mensch ist ein komplexes Wesen
Nun sind Menschen (und um die geht es in diesem Online-Lernangebot) aber mehr als reine Organismen, die unter dem Mikroskop betrachtet werden können, bzw. auch mehr als ihre körperliche Erscheinung. Deshalb reicht die Unterscheidung von Gameten, Gonaden und Genitalien nicht aus, um der Komplexität des menschlichen Lebens gerecht zu werden. Wissenschaftler*innen sind sich heute fachübergreifend weitgehend einig, dass Geschlecht neben biologischen immer auch soziale, kulturelle, politische und individuelle Komponenten enthält.
Trennung von „biologischem“ und „sozialem“ Geschlecht
Mit dem 1949 erschienen Werk „Das andere Geschlecht“ legte die französische Philosophin Simone de Beauvoir den Grundstein für die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung. Sie stellte die damals revolutionäre These auf, dass sich Männer und Frauen nicht allein durch körperliche Merkmale unterscheiden, sondern wesentlich auch durch die soziale und kulturelle Prägung. Simone de Beauvoir plädierte dafür neben „sex“ (das biologische Geschlecht) auch „gender“ (das soziale Geschlecht) zu betrachten. Als zentral gilt das Zitat „Man kommt nicht als Frau zur Welt: man wird es“ („On ne naît pas femme: on le devient“). Nicht die Biologie, sondern viel mehr Erziehung, kulturelle Vorstellungen, gesellschaftliche Zwänge und politische Strukturen machten einen Menschen zur „Frau“, so de Beauvoir, also zur Abweichung vom männlichen Ideal.
▶️ "Was ist Gender?" - Zusammenfassung im Video:
Nochmal Simone de Beauvoir dazu:
„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es. Kein biologisches, psychisches, wirtschaftliches Schicksal bestimmt die Gestalt, die das weibliche Menschenwesen im Schoß der Gesellschaft annimmt. Die Gesamtheit der Zivilisation gestaltet dieses Zwischenprodukt zwischen dem Mann und dem Kastraten, das man als Weib bezeichnet. Nur die Vermittlung eines Anderen vermag das Individuum als ein Anderes hinzustellen.“
(Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Rowohlt, Hamburg 1951, S. 265.)
Die Philosophin kritisierte damit die männliche Vormachtstellung, die Unterdrückung der Frauen:
„Die Vorstellung der Welt ist, wie die Welt selbst, das Produkt der Männer. Sie beschreiben sie von ihrem Standpunkte aus, den sie mit der absoluten Wahrheit gleichsetzen.“
(Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Hamburg 1951, S. 155.)
Geschlecht als soziale Konstruktion
De Beauvoirs Unterteilung in „sex“ und „gender“ galt lange als Grundlage der Geschlechterforschung. Diese klare Trennung hatte zur Folge, dass das „biologische Geschlecht“ als „natürliche“ Ordnung lange unhinterfragt blieb.
1990 veröffentlichte Judith Butler, Philosoph*in und Sozialwissenschaftler*in, die Schrift „Das Unbehagen der Geschlechter“ (Original „Gender Trouble“) und stieß damit eine neue Strömung in der Geschlechterforschung an. Butler kritisiert die Annahme, biologisches Geschlecht sei eine natürliche, vorsoziale Tatsache. Nach Butler ist auch das, was wir als „biologisch“ verstehen, kulturell gedeutet und sprachlich konstruiert. Demnach ist „sex“ ebenso sozial hergestellt wie „gender“.
Butler geht davon aus, dass unsere Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität in einer heterosexuellen Matrix organisiert sind, die besagt: Es gibt nur zwei Geschlechter, die sich begehren sollen. Wer außerhalb dieser Norm lebt wird gesellschaftlich ausgeschlossen oder unsichtbar gemacht.
▶️ Die heterosexuelle Matrix nach Butler - Zusammenfassung im Video:
Zusammenfassung
Das Verständnis von Geschlecht hat sich gewandelt und verändert sich auch weiterhin. Unterschiedliche Strömungen der Geschlechterforschung diskutieren miteinander und mit Vertreter*innen anderen Wissenschaftsdisziplinen. Eine allgemeingültige Definition existiert nicht.
Im Rahmen dieses Lernangebots wird „Geschlecht“ als ein Zusammenspiel von biologischen und körperlichen Faktoren (z.B. Genetik, körperlichen Merkmalen wie Körperform, Stimmlage, Körperbehaarung) mit sozialen und kulturellen Faktoren (z.B. Namensgebung, vergeschlechtlichtem Verhalten, Kleidung oder Haarschnitte) verstanden. Wir können die Konstruktion von Geschlecht nicht verstehen, ohne auch strukturelle Faktoren zu betrachten (z.B. historische Entwicklungen, die bis heute wirken, gesellschaftlichen Rollenerwartungen, strukturellen Ungleichheiten wie bspw. Gender Pay Gap oder mangelnde Parität in der politischen Vertretung usw.). Auch eine individuelle Komponente spielt beim Verständnis von Geschlecht eine Rolle. Das ureigene Erleben einer Person darf nicht einfach übergangen werden. Entsprechend ist Geschlecht vor allem eines: vielfältig.
„Geschlecht ist keine ‚natürliche‘ Gegebenheit. Die Tatsache, dass es Frauen und Männer gibt und diese als zwei unterschiedliche Gruppen von Menschen wahrgenommen werden, ist vorrangig das Ergebnis einer Reihe von gesellschaftlichen Zuschreibungen und Erwartungen, die durch Erziehung, Medien, Rollenvorstellungen und Normen vermittelt werden. Das biologische Geschlecht ist also nicht die Grundlage von Gender, sondern immer ein Teil von Gender. Wie Frauen und Männer ihr Geschlecht ‚verkörpern‘ und was als ‚natürlich‘ und ‚normal‘ gilt, ist demnach immer auch abhängig von gesellschaftlichen Vorstellungen und Normen. Dies heißt, auch das als ‚natürlich‘ angenommene Geschlecht hat eine Geschichte, denn auch der naturwissenschaftliche und medizinische Blick auf Körper ist einem historischen Wandel unterworfen.“
(Sandra Smykalla: Was ist Gender, 2006 http://www.genderkompetenz.info/w/files/gkompzpdf/gkompz_was_ist_gender.pdf)
Mehr zu diesem Thema lernst du im Online-Lernangebot „Was ist Gender“.