Kommunikation verstehen
Kommunikation verstehen
3.1 Kommunikation
Einleitung - Die Wirkung von Kommunikation
Warum beschäftigen wir uns im nächsten Schritt mit Kommunikation? Dieses Lernangebot untersucht, ob mehr Menschen zu DEI-Veranstaltungen kommen, wenn wir unsere Kommunikation verändern. Denn Kommunikation kann Interesse wecken, Zugehörigkeit erzeugen, sowie Distanz bzw. Abwehr auslösen.
Gedankenexperiment
Woran liegt es, dass derselbe Satz so unterschiedlich wirken kann?
Ob wir uns angesprochen, motiviert oder ausgeschlossen fühlen, hängt nicht nur vom Was, sondern auch vom Wie ab.
Manchmal liegt zwischen denselben Worten ein großer Unterschied, je nachdem, wie sie gesagt werden.
Die Definition von Kommunikation
Oft stellen wir uns Kommunikation als linearen Prozess vor: Eine Person sendet eine Botschaft, eine andere empfängt sie: Kommunikation abgeschlossen. In der Realität gestaltet sie sich jedoch weitaus komplexer. Kommunikation ist ein wechselseitiges Zusammenspiel, in dem ständig Bedeutungen interpretiert, ausgehandelt und angepasst werden. Aber dazu später mehr. Klassisch wurde der Kommunikationsprozess in die folgenden Bestandteile untergliedert.
- Sender*in: Die Person, die eine Botschaft verschickt
- Botschaft: Was gesagt oder geschrieben wird
- Kanal: Medium (E-Mail, Gespräch, Plakat, Social Media)
- Empfänger*in: Die Person, die die Botschaft erhält
Zwischen diesen Elementen wirken jedoch zahlreiche Filter: Unsere Erfahrungen, Werte, Erwartungen, Sprache und unbewussten Vorurteile (Biases) beeinflussen, wie wir eine Nachricht encodieren und decodieren. Dadurch kann dieselbe Botschaft von verschiedenen Personen unterschiedlich verstanden werden.
Beispiel: „Das machen wir gleich.“
Für dich: in 5 Minuten.
Für dein Gegenüber: irgendwann heute.
Die Bedeutungslücke in der Kommunikation (Watzlawick, Beavin & Jackson, 1967):
„Gute Absicht, unerwartete Wirkung“
Eventuell kommt dir die folgende Situation bekannt vor:
Du sagst etwas (für dich) völlig Alltägliches, doch dein Gegenüber reagiert darauf verletzt oder genervt. Du fragst dich: "Was habe ich Falsches gesagt? Das war doch gar nicht so gemeint."
Solche Situationen zeigen, dass in der Kommunikation oft eine Bedeutungslücke entsteht: Das, was jemand sagen will, ist nicht immer das, was das Gegenüber versteht. Zwischen Absicht und Wirkung liegt ein komplexer Prozess der Interpretation, in dem jede Person ihre eigenen Erfahrungen, Werte und Erwartungen einbringt.
Beispiel 1: Fremdsprachenkompliment
Eine Kollegin sagt beim Mittagessen zu einer neuen Mitarbeiterin: „Wow, dein Deutsch ist richtig gut!“
Absicht:
Die Aussage war als Kompliment gemeint, die Absicht der Kollegin war es, Wertschätzung ausdrücken.
Wirkung:
Für die andere Person kann der Satz aber implizieren: „Du gehörst hier eigentlich nicht richtig dazu“ oder „Ich habe nicht erwartet, dass du so gut Deutsch sprichst.“ Das fühlt sich ausgrenzend an, auch wenn es gar nicht so gemeint war.
Diese Lücke zwischen Absicht und Wirkung ist entscheidend für inklusive Kommunikation (dazu später mehr). Für das bessere Verständnis folgt ein weiteres Beispiel:
Beispiel 2: Gleichberechtigungsvertreter
Eine Führungsperson sagt im Meeting um Gleichberechtigung zu forcieren: „Ich sehe keine Hautfarbe.“
Absicht:
Die Person will ausdrücken, dass sie alle Menschen gleich behandelt und zwar unabhängig von Hautfarbe, Herkunft oder Aussehen. Die Absicht ist also positiv und möchte Gleichheit, Offenheit und Toleranz ausdrücken.
Wirkung:
Die Aussage „Ich sehe keine Hautfarbe“ klingt zwar im ersten Moment neutral, allerdings leugnet sie unbewusst die Realität, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe unterschiedlich behandelt werden. Sie blendet also strukturelle Diskriminierung aus und kann (meist unbeabsichtigt) signalisieren:
„Deine Erfahrung mit Rassismus ist für mich nicht relevant.“
Warum kann das verletzend wirken? Für Menschen, die Rassismus erfahren, bedeutet Anerkennung auch, dass diese Erfahrungen gesehen und anerkannt werden. Wenn eine Person sagt, er oder sie „sieht keine Hautfarbe“, wird die eigene Identität und Erfahrung unsichtbar gemacht. In der Diversity-Forschung nennt man das Colorblind Ideology (Neville et al., 2013): Sie will Gleichheit schaffen, erzeugt aber das Gegenteil, denn sie verschleiert Unterschiede, statt sie gerecht zu berücksichtigen.
Was wäre eine Möglichkeit, sich besser auszudrücken? z. B.: „Mir ist wichtig, dass alle hier mit gleichen Chancen gesehen und behandelt werden, obwohl ich weiß, dass das nicht immer selbstverständlich ist.“ Dadurch wird Vielfalt anerkannt, ohne sie zu negieren.
Wie wir an den Beispielen erkennen können, ist eine gute Absicht nicht gleichgesetzt mit einer guten Wirkung. Aber wie entsteht diese Lücke überhaupt? Worte tragen, neben dem Inhalt, Gefühle, Beziehungssignale und Erwartungen in sich. Das folgende Modell erklärt, wie all diese Ebenen zusammenwirken und es dadurch oftmals zu Missverständnissen kommen kann.
Exkurs
Mikroaggressionen und Sprache
Die Beispiele der Bedeutungslücke zeigen, dass eine gute Absicht nicht automatisch vor einer verletzenden Wirkung schützt. Besonders deutlich wird das bei sogenannten Mikroaggressionen, das sind kurze, oft beiläufige Äußerungen, die unbewusst Diskriminierung transportieren. Manchmal sind es nicht die großen Worte, die trennen, sondern die kleinen.
Im folgenden kurzen Video siehst du wie alltägliche, oft unbewusst geäußerte Bemerkungen oder Gesten als Mückenstiche wahrgenommen werden. Sie entstehen, wenn Sprache unbewusst Stereotype oder Ausschlüsse transportiert.
Achtung - der Inhalt des Videos ist nur auf Englisch verfügbar.