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Unconscious Bias

Abschlussbedingungen
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2.1 Unconscious Bias

 

Einleitung - Entscheidungen im Autopilot

 

Stell dir vor, du gehst in der Mittagspause in ein Café, alle Tische sind belegt, du kannst dich nur noch zu einer Person dazusetzen. Da du hungrig bist, nimmst du dein Schicksal an. Vor dir stehen zwei Tische: An Tisch 1 sitzt eine Person, die vertraut auf dich wirkt, sie trägt zudem einen Pulli, den du ebenfalls zuhause im Schrank hängen hast. Am anderen Tisch sitzt jemand, der dir fremd erscheint. Zu wem setzt du dich?

Nehmen wir noch ein weiteres Beispiel: Stell dir vor, du arbeitest als Personalerin und liest Bewerbungen für eine ausgeschriebene Stelle. Ein Lebenslauf fällt dir besonders ins Auge, denn die Person hat an derselben Universität studiert wie du. Mit deiner Zeit dort verbindest du unglaublich schöne Erinnerungen. Obwohl es nichts über die Kompetenzen der bewerbenden Person aussagt, hast du sofort Lust, sie zum Bewerbungsgespräch einzuladen. Was machst du?

 

 

Gedankenexperiment

Warum hast du dich so entschieden? 

 

 

KI Collage by Melanie Bock (CC BY-SA)

 

 

 

Definition von Unconscious Bias

 

Unconscious Bias bedeutet auf Deutsch unbewusste Verzerrung oder auch implizite Voreingenommenheit. Damit sind automatische Denk- und Bewertungsmuster gemeint, die in unserem Gehirn ablaufen, ohne dass wir es merken. Sie beeinflussen, wie wir andere Menschen wahrnehmen, wem wir Vertrauen schenken und welche Entscheidungen wir treffen.

Diese schnellen Urteile entstehen, weil unser Gehirn mentale Abkürzungen nutzt, die uns helfen, Informationen rasch einzuordnen. Das ist praktisch und spart Energie, kann aber auch dazu führen, dass wir voreilige Schlüsse ziehen oder Menschen unfair behandeln, obwohl wir das gar nicht wollen.

Auf eins der Beispiele in der Einleitung bezogen: Du liest eine Bewerbung und stolperst über die Universität, die du auch besucht hast. Ohne es zu merken, bewertest du die gesamte Bewerbung sofort wohlwollender, obwohl du nicht weißt, ob die Person wirklich die notwendigen Kompetenzen hat. 

Unconscious Bias sind automatische Muster, die uns helfen sollen, die Welt zu sortieren, dabei aber manchmal ungenaue, verzerrte oder ungerechte Ergebnisse produzieren.

 

Warum erleichtern und erschweren unbewusste Verzerrungen unsere Wahrnehmung?

 

Unser Gehirn muss täglich Millionen Reize verarbeiten. Da wir nur einen Bruchteil bewusst aufnehmen können, greift es auf gespeicherte Informationen zurück, sogenannte Kategorisierungen oder Schubladen. Diese helfen uns, unseren Alltag zu meistern, können aber eben zu Verzerrungen führen.

  • Eigene Erfahrungen: Dinge, die wir oft gesehen oder erlebt haben, speichern wir ab, das hilft uns, Situationen schnell einzuordnen.
  • Soziales Lernen: Wir übernehmen unbewusst Kategorien und Erwartungen aus Familie, Schule oder Medien, selbst wenn wir sie rational ablehnen.
  • Kulturelle Prägung & Medien: Wiederholte Darstellungen verfestigen Erwartungen und Stereotype, also was wir als „normal“ empfinden.
  • Evolutionäre Überlebensstrategien: Unser Gehirn bevorzugt Kategorien, die Sicherheit versprechen.

Beispiel: Wenn du oft gehört hast, dass „Technik typisch männlich“ sei, kann dein Gehirn diese Information speichern, selbst wenn du das bewusst gar nicht glaubst. Triffst du dann eine Frau in einem technischen Beruf, kann es passieren, dass du kurz überrascht bist. Nicht, weil du es willst, sondern weil dein Gehirn automatisch eine alte Schublade aufmacht. Dadurch muss es die Information oder den Reiz nicht bewusst und neu verarbeiten, sondern es wird die gespeicherte Information, in diesem Fall Technik=männlich, abgerufen.

So werden aus hilfreichen Denkabkürzungen schnell Vorurteile, wenn wir sie unbewusst auf Menschen anwenden, oft ohne jede sachliche Grundlage.

 

Unconscious Bias im Alltag

 

Es gibt viele Formen unbewusster Verzerrungen. Im Folgenden werden ein paar Beispiele aufgeführt:

 

1. Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)

Wir achten stärker auf Informationen, die unsere Meinung bestätigen und blenden Gegenteiliges aus.

Beispiel:
Du denkst, dass eine Kollegin unzuverlässig ist. Wenn sie einmal zu spät kommt, fühlst du dich bestätigt. Wenn sie dagegen pünktlich ist, fällt dir das kaum auf oder du vergisst es, denn es passt nicht zu deinem inneren Bild.

Warum passiert das?
Unser Gehirn liebt es, Recht zu behalten. Widersprüche erzeugen kognitive Dissonanz – ein unangenehmes Gefühl, das wir vermeiden wollen.
Deshalb neigen wir dazu, Informationen selektiv wahrzunehmen und alles auszublenden, was unseren Überzeugungen widerspricht.

 

2. Affinitätsbias (Similarity Bias)

Wir bevorzugen Menschen, die uns in Aussehen, Interessen oder Denkweisen ähnlich sind.

Beispiel:
In einer Gruppenarbeit fühlst du dich automatisch wohler mit der Person, die die gleiche Musik hört wie du. Dadurch bewertest du ihre Ideen vielleicht positiver, selbst wenn sie objektiv nicht besser sind.

Warum passiert das?
Ähnlichkeit vermittelt Vertrautheit und Sicherheit. Unser Gehirn ordnet „ähnliche“ Menschen unbewusst der eigenen Ingroup zu, das reduziert Unsicherheit und stärkt unser Gefühl von Zugehörigkeit. (mehr dazu erfährst du im nächsten Kapitel: soziale Identität).
Diese Tendenz führt jedoch dazu, dass wir „andere“ als weniger passend oder sympathisch empfinden, selbst ohne bewusste Absicht.

 

3. Halo-Effekt

Der Halo-Effekt beschreibt, dass ein positives Merkmal einer Person alle anderen Eindrücke überstrahlt, zum Beispiel wenn gutes Auftreten oder freundliche Ausstrahlung automatisch mit Kompetenz verwechselt wird.

Beispiel:
Eine Person hält eine selbstbewusste Präsentation. Allein dadurch wirkt sie auf viele Menschen automatisch auch kompetent, gut organisiert und intelligent, selbst wenn die Inhalte objektiv eher durchschnittlich waren.

Warum passiert das?
Unser Gehirn liebt einfache, stimmige Gesamtbilder. Ein starkes positives Merkmal – etwa Freundlichkeit, Aussehen oder Auftreten – dient als mentaler „Anker“, an den wir weitere positive Eigenschaften anhängen. Das spart kognitive Energie und erzeugt ein Gefühl von Klarheit und Kohärenz. Gleichzeitig blendet es wichtige Informationen aus und führt dazu, dass wir Menschen überschätzen, nur weil ein einziges Detail positiv hervorsticht.

 

4. Horns-Effekt

Das Gegenteil des Halo-Effekts: Ein Makel zieht alle anderen Eigenschaften herunter.

Beispiel:
Eine Person erscheint mit zerknitterter Kleidung und ungekämmten Haaren zu einem Treffen. Allein dieses Detail kann dazu führen, dass sie als unzuverlässig oder unordentlich wahrgenommen wird.

Warum passiert das?
Hier passiert dasselbe, wie beim Halo-Effekt, nur in die andere Richtung: Negative Eigenschaften ziehen das Gesamturteil nach unten.

 

5. Verfügbarkeitsheuristik (Availability Bias)

Wir halten Dinge für wahrscheinlicher, wenn sie präsent oder leicht abrufbar sind.

Beispiel:
Wenn in deinem Umfeld mehrere Leute von einer Grippe erzählen, denkst du schnell: „Alle werden krank.“ Objektiv sind die Zahlen vielleicht stabil, aber die Information ist verfügbar und damit überrepräsentiert in deinem Denken.

Warum passiert das?
Unser Gehirn schätzt Wahrscheinlichkeiten anhand der Leichtigkeit des Erinnerns ein.

 

6. Status-quo-Bias

Wir bevorzugen das, was wir kennen, auch wenn Besseres verfügbar wäre.

Beispiel:
Selbst wenn eine neue Bank bessere Konditionen bietet, bleiben viele lieber bei der alten. Der Aufwand eines Wechsels scheint größer als der Nutzen.

Warum passiert das?
Veränderungen bedeuten kognitiven Aufwand und potenzielles Risiko. Deshalb halten wir lieber am Gewohnten fest, der vermeintlich sicheren Wahl.

 

7. Primacy Effekt

Wir neigen dazu, frühe Informationen stärker zu gewichten als spätere, besonders bei der ersten Begegnung mit Menschen. Der erste Eindruck legt den „mentalen Rahmen“ fest, in den alle weiteren Beobachtungen eingeordnet werden.

Beispiel:
Du lernst einen neuen Kollegen kennen und er wirkt im ersten Gespräch souverän und freundlich. Auch wenn du später merkst, dass er manchmal unvorbereitet ist, bleibt der positive Ersteindruck bestehen.

Warum passiert das?
Unser Gehirn bildet blitzschnell eine erste Hypothese über eine Person. Diese frühe Information wirkt als Anker und spätere Eindrücke werden daran angepasst. Primacy wirkt besonders stark bei Erstkontakten und Eindrucksbildung, dort hat der erste Eindruck die größte Bedeutung.

 

8. Recency Effekt

Der Recency Effect beschreibt auf der anderen Seite, dass später erhaltene Informationen einen stärkeren Einfluss haben als frühere, vor allem, wenn wir eine abschließende Bewertung abgeben oder wenn die letzte Information besonders auffällig oder emotional war.

Beispiel:
Eine Kollegin hat in letzter Zeit oft Aufgaben vergessen, liefert aber beim aktuellen Projekt eine hervorragende Leistung ab.
Der letzte Eindruck („Das war richtig gut!“) überlagert die früheren Probleme.

Warum passiert das?
Spätere Eindrücke sind zeitlich näher und daher leichter abrufbar. Der Recency Effect wirkt besonders bei aktuellen Erinnerungen, Feedback-Situationen oder Abschluss-Eindrücken (im Vergleich zum Primacy Effekt). Deshalb prägt der letzte Eindruck häufig das Gesamturteil, wenn wir Rückschau halten oder ein Ereignis bewerten.

 

Quiz

 

Teste dein Wissen – welche Form des Unconscious Bias wird hier beschrieben?

H5P Quiz by Melanie Bock (CC BY-SA)

 

 

 

 

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