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Rhythmik in der Grundschule - Prof. Elisabeth Pelz

Abschlussbedingungen

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Rhythmik verbindet die Künste.

Im Transfer von der Musik in die Bewegung wird die Musik im Raum durch die Körper zur lebendigen Partitur oder wie es Emile Jaques Dalcroze nannte zur „plastique animée“, zur bewegten Plastik (in: Rhythmus, Musik und Erziehung, E.J. Dalcroze, Basel 1977).

In solch einem Themenkomplex (siehe Ausschnitte des Films) lernen die Schülerinnen und Schüler konkret:
 
  • Die musikalische Struktur durch das Erleben zu verstehen. Musikanalyse durch Bewegung und Differenzierung in Raum, Kraft, Zeit und Form.
  • Den Raum (Harmonie, Richtung, Phrasierung) eines Stückes zu explorieren.
  • Musikalische Themen erst rhythmisch zu erfassen, dann melodisch. Die Musik wird im eigenen Singen und körperlichen Transfer lebendig, die Musik bekommt Gestalt, individuelle Gestalt.
  • Die Differenzierung der Parameter: Im Handspiel auf dem Rücken differenziert sich Artikulation, der Charakter wird empfunden und visuell erfasst. Welche Bewegungs- oder Klangqualität liegt in der Musik, welchen Raum nimmt sie ein? Diese Fragestellungen finden ihre Beantwortung im Tun.
  • Was auf dem Rücken aus dem Gestus der Hände heraus als kinetische Partitur schon einmal sichtbar wurde, kann dann im Erfassen der graphischen Partitur wieder erinnert werden, auftauchen. Die Wege, Verdichtungen, Ausdehnungen, Tonhöhen etc. spielen dann später in der kinetischen Melodie, der Ganzkörperbewegung eine Rolle. 
  • Die Kinder lernen Aspekte der Melodieentwicklung kennen, der dynamischen Gestaltung, Rhythmusvermittlung, Phrasierung, Kompositionsansätze, Variation eines musikalischen Themas, Tempogestaltung, den Komponisten, Aspekte der Partitur im klassischen Sinne, der graphischen Partitur und stärken ihre Persönlichkeit im gruppendynamischen Miteinander.
 
Zudem lernen die Schülerinnen und Schüler innerhalb der Rhythmik unterschiedlichste Ausdrucksbereiche kennen (Musik, Bewegung, Sprache, Malerei, Performance) setzen sich in Beziehung dazu, wollen Lernen und Wissen. Wissen heißt eine Realität entdecken, ihre Existenz, ihr Wesen erforschen.

Hier nun setzt die Rhythmik mit einer ihr zentralen Methodenkompetenz an, bei der es darum geht eine Transformation von einem Ausdrucksbereich in den anderen, von einem Sinnesbereich in den anderen zu initiieren. Um so die darin liegenden Strukturen, Qualitäten und Bewegungen zu erfahren und mehr und mehr zu verstehen.
 
In der Rhythmik wird lebendiges Lernen durch Arbeitsprinzipien ermöglicht, die den Prozess strukturieren und entfalten. Im Folgenden seien einige genannt:
 
1.              Führen und Folgen:
zwischen Unterrichtender, Kindern, Musik, Bewegung, Sprache, Material
Es gibt jeweils eine impulsgebende, initiierende und eine den Impuls übernehmende, reagierende Seite. So entstehen Transformationsprozesse von einem Wahrnehmungsbereich in den anderen. 

             „Zeige, was Du hörst”

            „Begleite, was Du siehst”

            „Zeige, was Du spürst”

            „Spiele, zeige was Du Dir vorstellst”

            „Male, was Du hörst”

            „Sage, was Du spürst

2.         Erleben – erkennen – benennen
Der Prozess gestaltet sich vom Wahrnehmen zum Improvisieren/Realisieren ins Gestalten/Verstehen. Vom Input zum Outcome!

3.         Die Wechselbeziehung von Bewegung, Musik, Sprache, Material in Verbindung mit den Elementen Raum, Zeit, Kraft und Form

4.         Polare Wechselbeziehungen
  • Innen – Außen:
Diese Verbindung zwischen Innen und Außen verläuft selbstverständlich nicht als Einbahnstraße nur in eine Richtung. Ein erworbener Eindruck verlangt quasi als Antwort nach einem neuerlichen Ausdruck, eine Impression nach einer Expression. Diese Antwort wird in der Rhythmik in der Regel auf einer anderen als der beeindruckten Sinnesebene erfolgen: So wird z.B. ein musikalisches Geschehen durch ein sichtbares Geschehen in der Bewegung beantwortet und etwas, das sichtbar war, erfährt seine Antwort auf der taktilen Ebene des Tastens und Fühlens. Dadurch wird den Gruppenmitgliedern ermöglicht, sich in unterschiedlicher Weise zu einem Ereignis zu verhalten und sich in verschiedenen ästhetischen Formen auszudrücken (Haase/Pelz, 2009). 
In solch‘ einem Prozess finden die Kinder an unterschiedlichen Stellen ihren Zugang. Es gibt Raum für inklusives Lernen und es werden Präferenzen und Talente entdeckt, die dann im weiteren kreativen Prozess an Relevanz gewinnen.

  • Wechsel der Sozialformen – unterschiedliche Gruppenkonstellationen – allein, Partner, Gruppe
Kinder erleben innerhalb der rhythmischen Arbeit unterschiedliche Gruppenkonstellationen und Impulse, die sie alleine zum Ausdruck bringen, oder zu zweit in Kooperation. In einer Kleingruppe gemeinsam Entscheidungen finden, sich durchzusetzen, aber auch sich zurücknehmen bedarf hoher Anforderung an die Kommunikationsfähigkeit der Kinder. Das Lernen in der gesamten Gruppe setzt große Akzeptanz und Rücksichtnahme jedes einzelnen Gruppenmitglieds voraus. 
Lernen in Verbindung mit zwischenmenschlichen Beziehungen steigert die Sozialkompetenz der Kinder. Durch gemeinsames Handeln und Lösen von Konflikten entwickelt sich ein starkes Gemeinschaftsbewusstsein, das wiederum für das Lernen gute Voraussetzung bietet.

  • Nonverbal – verbal

5.         Freiheit in der Bindung 
Ein Kind sagte einmal am Ende einer Rhythmikeinheit: „Ich fühle mich frei wie ein Adler.“
Der Lernprozess innerhalb der Rhythmik ermöglicht etwas eigen Gewähltes und Gestaltetes auszudrücken. Im Hier und Jetzt zu sein und eine befriedigende Handlungsorganisation als Lebensqualität hervorzubringen. Selbsttätig zu werden, sich handelnd auseinanderzusetzen und kreativ zu agieren. Dies alles entfaltet und stärkt die Persönlichkeit und unseren Stand innerhalb der Gesellschaft.
Durch dieses Lernen, erfahren die Schülerinnen und Schüler etwas über sich selbst. Sie spüren, fühlen, regulieren und lernen sich in andere hineinzuversetzen. 
 
6.         Zielgerichteter Einsatz von Material

7.         Improvisation
Die bewegungsbezogene Improvisation ist ein wesentlicher Bestandteil innerhalb des Rhythmikunterrichts. Es entsteht ein Dialog zwischen der Musik und der Bewegung, wie auch zwischen der Improvisierenden und dem Kind.
Hinzu kommt die Gestaltung der „Komposition“ der Unterrichtsstunde durch Improvisation, durch die die Unterrichtende auf die Ideen und spontanen Bewegung durch musikalisches, körperliches, stimmliches oder methodisches Improvisieren interaktiv eingeht.

8.         Prozessorientiertes Vorgehen
In aufeinander aufbauenden Teilschritten entwickelt sich der Lernprozess innerhalb des Unterrichts. Besonders wesentlich sind die harmonischen Übergänge der einzelnen Impulse, da nur dadurch die Steigerung der Konzentrationsfähigkeit gefördert werden kann. 
 
Wahrnehmen mit allen Sinnen, Erproben differenzierter Ausdrucksmöglichkeiten in verschiedensten Ausdrucksbereichen, Beziehung aufnehmen zur gegebenen Situation mit ihren unterschiedlichen Herausforderungen, all dies stärkt die Entwicklung der Persönlichkeit und generiert neue Bedeutungsspuren im Blick auf Kunst, Gesellschaft und Alltagserfahrung. Es ermöglicht einen intensiven, lebendigen Lernprozess, den die Kinder maßgeblich mitgestalten.
Innerhalb kultureller Bildung, vor allem im Bereich der ästhetischen Bildung sind die interdisziplinären Ansätze der Rhythmik, die Verbindung zu Architektur (Raum), Photographie, bildender Kunst, Lyrik, Poesie, digitale Medien etc. von entscheidender Bedeutung.

Mit einem somatischen und neurobiologischen Blick auf das Geschehen gibt es zu einigen Ausschnitte aus der Stunde mit „Jack in the box“ noch ein Anschlussvideo. In diesem wird verdeutlicht welche Bewegungen und sensorische Übungen in den Prinzipien der Rhythmik bestimmte neurobiologische Vernetzungen unterstützen. Ebenso werden entwicklungspsychologische Grundlagen mit dem Geschehen vernetzt. 



Zuletzt geändert: Montag, 10. Juli 2023, 18:49