Inclusion vs. Inklusion
Inclusion vs. Inklusion
Inclusion in der deutschen Sprache = Inklusion?
Es klingt logisch, Inclusion mit dem deutschen Begriff Inklusion gleichzusetzen. Allerdings ist Inklusion nicht immer mit dem englischen Inclusion identisch. Der deutsche Begriff Inklusion wurde von der Sonderpädagogik und der sozialen Arbeit bestimmt: Die Förderung des Zugehörigkeitsempfinden von Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Beeinträchtigung steht hier im Mittelpunkt. Missverständnisse entstehen oft, wenn Inclusion und Inklusion gleichbedeutend angenommen werden (vor allem bei der Übersetzung von englischen DEI-Konzepten). Was international Inclusion, also das Gefühl von Zugehörigkeit entlang aller Diversitätsdimensionen meint, wird im Deutschen häufig als Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung verstanden. Deshalb unterteilt die deutsche Sprache Inklusion in zwei Bereiche:
Weiter und enger Inklusionsbegriff
Der enge Inklusionsbegriff stammt aus der Pädagogik und der Behindertenrechtsbewegung. Wie auch schon weiter oben im Text beschrieben, steht er für die Zugehörigkeit von Personen mit Beeinträchtigung. Er möchte Barrieren abbauen und Strukturen erstellen, die eine Beteiligung in der Gesellschaft unabhängig von geistigen oder körperlichen Voraussetzungen ermöglichen.
Der weite Inklusionsbegriff erweitert, wie der Begriff schon sagt, diesen Fokus. Er legt Inklusion als gesellschaftliches Leitprinzip auf alle Diversitätsdimensionen um: Wie schon im Kapitel Diversität beschrieben, sind hier die Dimensionen Geschlecht, Herkunft, Alter, Religion, sexuelle Orientierung, soziale Lage, etc. gemeint. Inklusion in diesem Kontext bedeutet: Jede Person soll, unabhängig von ihren Merkmalen, dazugehören und teilhaben können bzw. sich anerkannt fühlen und ist somit mit dem englischen Wort Inclusion gleichzusetzen.
Beide Begriffe verfolgen dasselbe Ziel: Zugehörigkeit, aber eben mit unterschiedlichen Schwerpunkten, beim engen geht es spezifisch um Menschen mit Beeinträchtigung, wobei der weite Begriff alle Diverstitätsdimensionen (unspezifisch) einbezieht.
Perspektiven auf Inklusion
Inklusion hat zudem noch weitere Definitionen, abhängig von der Perspektive, von der auf das Wort geblickt wird. In der Bildung, in der Politik, in Organisationen oder in der Kultur kann Inklusion jeweils eine unterschiedliche Bedeutung haben. Daraus resultiert ein unterschiedliches Verständnis von Zugehörigkeit, je nach Perspektive.
1. Pädagogisch / sozialpolitisch: Inklusion als Barrierefreiheit und gemeinsame Teilhabe
In der pädagogisch-sozialpolitischen Perspektive steht Inklusion für die Teilhabe aller Menschen am Bildungssystem. Unabhängig von körperlichen, geistigen, sprachlichen oder sozialen Voraussetzungen ist es das Ziel, dass sich alle zugehörig fühlen. Wie auch schon erwähnt, entstand der Begriff ursprünglich im Kontext der Behindertenrechtsbewegung und der Forderung nach Barrierefreiheit.
Heute wird er, im Sinne des Index für Inklusion Booth & Ainscow (2002), weiter gefasst:
Inklusion meint, dass Schulen Orte sind, an denen Vielfalt normal ist und alle Kinder gemeinsam lernen, sich gegenseitig unterstützen und voneinander profitieren können. Auch hier wird wieder ersichtlich, dass das System sich anpasst und nicht das Individuum.
Beispiel: Kinder mit und ohne Beeinträchtigung werden gemeinsam in derselben Klasse unterrichtet. Es wird Unterstützung geboten, die auf individuelle Bedürfnisse eingeht. In der Übersetzung des Indexes beschreiben Boban & Hinz (2003) Prozesse, die für mehr Inklusion eingesetzt werden sollen, wie bspw. die Weiterbildung von Lehrer*innen für mehr Vielfalt oder auch das Festsetzen von Anti-Mobbing Programmen.
2. Gesellschaftlich / politisch: Inklusion als gerechte Teilhabe am Leben
Aus gesellschaftlicher Sicht zielt Inklusion darauf ab, dass alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Einkommen, Religion oder anderen Merkmalen, gleichberechtigten Zugang zu zentralen Lebensbereichen haben. Dazu zählen Bildung, Arbeit, Wohnen, Kultur und gesellschaftliches Engagement.
Beispiel: Programme, die dazu dienen den Gender Gap zu reduzieren und eine inklusive Gesellschaft für Frauen* zu schaffen.
Im Mittelpunkt steht das Ziel, dass alle Teil des gesellschaftlichen Lebens sein können, Barrieren abgebaut werden und Vielfalt als normaler und wertvoller Bestandteil der Gesellschaft verstanden wird.
3. Organisational / wirtschaftlich: Inklusion als Zugehörigkeit und psychologische Sicherheit
In Organisationen ist Inklusion ein zentraler Bestandteil von Diversity-, Equity- und Inclusion-Strategien (DEI).
Sie beschreibt nicht nur den Zugang zu Arbeitsplätzen oder Chancengerechtigkeit, sondern vor allem das Gefühl von Zugehörigkeit, Wertschätzung und Sicherheit, die eigene Perspektive offen einbringen zu können.
Ein Team arbeitet inklusiv, wenn alle Stimmen gehört werden, und zwar auch die, die ungewohnt, kritisch oder konträr sind.
Das gelingt dort, wo psychologische Sicherheit herrscht: Menschen trauen sich, Fehler einzugestehen, Ideen zu teilen und Widerspruch zu äußern, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen.
Inklusion bedeutet im organisationalen Kontext also, Diversität durch Strukturen, in denen Unterschiede als Ressource genutzt werden, erlebbar zu machen.
Beispiel: Ein Unternehmen führt regelmäßige Feedback-Runden ein, in denen Mitarbeitende anonym mitteilen können, ob sie sich im Team respektiert, gehört und sicher fühlen. Die Ergebnisse werden transparent besprochen und fließen direkt in Team-Workshops ein, um Kommunikations- und Entscheidungsprozesse inklusiver zu gestalten.
4. Kulturell / medial: Inklusion als Haltung und Repräsentation
In der kulturellen und medialen Perspektive geht es vor allem um Haltung, aber auch deren Darstellung. Wie sprechen wir über Menschen? Wen machen wir sichtbar? Kulturelle Inklusion bedeutet, dass verschiedene Lebensrealitäten, Identitäten und Perspektiven in Sprache, Kunst, Medien und Alltag gleichwertig vorkommen.
Beispiel: Wenn in Filmen, Werbung oder öffentlichen Debatten unterschiedliche Körper, Kulturen oder Lebensweisen selbstverständlich gezeigt werden, ohne sie zu exotisieren oder zu erklären, entsteht eine inklusive Kultur.
Hier steht symbolische Zugehörigkeit im Vordergrund: Das Gefühl, in der Gesellschaft gesehen zu werden und dazuzugehören.
Zusammenfassung
- Integration: „Du darfst dabei sein, wenn du dich anpasst.“
- Inclusion: „Wir gestalten den Rahmen gemeinsam so, dass alle dazugehören können.“
- Inklusion und Inclusion sind nicht gleichzusetzen, die Definition von Inklusion hängt vom Blickwinkel und der geschichtlichen Entwicklung ab.
- Während Diversity Unterschiede sichtbar macht und Equity faire Bedingungen schafft, sorgt Inclusion dafür, dass diese Vielfalt auch gelebt und erlebt wird.
Quiz
Teste dein Wissen über die verschiedenen Perspektiven auf Inklusion.
Exkurs - Belonging als vierte Dimension
Warum diese Erweiterung?
- Diversity sorgt dafür, dass das Bewusstsein für Vielfalt geschärft wird.
- Equity steht für den Abbau von Barrieren und für Chancengerechtigkeit.
- Inclusion schafft Strukturen, in denen jede*r aktiv teilhaben kann.
- Belonging geht noch einen Schritt weiter: Es beschreibt das Gefühl, wirklich dazuzugehören.
Inclusion kann organisatorisch gestaltet werden (z. B. durch barrierefreie Zugänge für alle, Mitbestimmungsmöglichkeiten, Sprachübersetzungen).
Belonging hingegen ist das subjektive Ergebnis, es beschreibt das innere Gefühl von Sicherheit, Akzeptanz und Wertschätzung.
Belonging im Alltag:
- Eine Mitarbeiterin mit Kopftuch wird in alle Meetings eingeladen (Diversity).
- Sie bekommt denselben Zugang zu Projekten wie ihre Kolleg*innen (Equity).
- Ihre Beiträge werden gehört, und die Sitzungen sind so gestaltet, dass sie aktiv teilnehmen kann (Inclusion).
- Aber erst wenn sie merkt, dass ihre Ideen ernsthaft berücksichtigt werden, dass sie sich frei entfalten kann, ohne sich zu verstellen, und dass sie wirklich sie selbst sein darf, entsteht Belonging.
Belonging ist zusammengefasst das Resultat gelungener DEI-Arbeit.
Reflexion - Was bedeutet Inclusion für dich?
Richte nun wieder den Blick nach innen und überlege, wie Inclusion für dich aussieht.
Weiter geht's
Nun bist du im Bilde, was die unterschiedlichen Begrifflichkeiten bedeuten und was wir tun können, um Vielfalt besser wertzuschätzen, fair zu behandeln und inklusiv zu sein. Doch warum ist es so schwer, all das konsequent umzusetzen? Und das gilt tatsächlich für jede Person. Soviel sei verraten: In uns wirken psychologische Prozesse, die die Akzeptanz von Unterschieden herausfordernd gestaltet. Welche sind das? Damit beschäftigen wir uns im nächsten Modul: Mechanismen der Wahrnehmung und ihr Einfluss auf DEI.
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