Umgang mit Widerständen
Section outline
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Umgang mit Widerständen
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In diesem Abschnitt geht es um die Widerstände gegen geschlechtliche Vielfalt, die vielfach das Ergebnis antifeministischer Kampagnen sind. Du setzt dich mit den zentralen antifeministischen Narrative auseinander, die der Ablehnung geschlechtlicher Vielfalt zugrunde liegen, lernst Gegenargumente kennen und wirst in der Entwicklung eigener Gegenstrategien unterstützt, sowohl für das direkte Gespräch als auch für den digitalen Raum.
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Der organisierte Backlash
Wie geschlechtliche Vielfalt zum Feindbild gemacht wird
Der Widerstand gegen geschlechtliche Vielfalt zeigt sich auf ganz unterschiedliche Weise. Von Verunsicherung und Skepsis bis hin zu offener Ablehnung und gewalttätigen Angriffen.
Erschreckende Zahlen zur Hasskriminalität:
Im Jahr 2024 erfasste das BKA 21.773 Fälle von Hasskriminalität – ein Anstieg von 28 % gegenüber dem Vorjahr. Hassverbrechen gegen geschlechtsbezogene Diversität stiegen sogar um 34,89 %.
Laut einer EU-Studie (2024) erlebten über 60 % der trans Frauen und Männer Diskriminierung.
Kulturkampf gegen den Kontrollverlust
Die Ablehnung ist Ausdruck eines politischen Kulturkampfes, in dem „Gender“ zur Chiffre für gesellschaftlichen Wandel geworden ist. Die Existenz von Menschen außerhalb der Binarität wird zur Projektionsfläche für Angst vor Kontrollverlust.
Im Zentrum steht ein unscharfer Gegner: „die Gender-Ideologie“. Dieser Begriff dient als Schlagwort, um Gleichstellungspolitik, Geschlechterforschung und gendersensible Sprache als diffuses Bedrohungsszenario zu vermengen.
Strategie der Entmenschlichung
Trans Personen werden gleichzeitig lächerlich gemacht und als existenzielle Gefahr inszeniert. Wer als Witzfigur erscheint, dem wird keine Glaubwürdigkeit zugestanden. Wer als Gefahr gilt, kann leichter ausgeschlossen werden. Diese paradoxe Doppelstrategie dient der systematischen Entmenschlichung.
Globale Netzwerke, gemeinsame Narrative
Weltweit vernetzen sich antifeministische Akteur*innen und arbeiten gezielt an Narrativen wie dem „Schutz der Kinder“ oder der „Verteidigung der Familie“. Diese Narrative wirken, weil sie an bestehende Unsicherheiten anknüpfen und durch Emotionalisierung in sozialen Netzwerken Reichweite generieren.
Worum es wirklich geht
Der Kampf gegen geschlechtliche Vielfalt ist Teil eines Angriffs auf pluralistische Gesellschaften und Selbstbestimmung. Wer trans Rechte infrage stellt, greift letztlich demokratische Aushandlungsprozesse insgesamt an.
Wenn wir verstehen, dass diese Ablehnung politisch instrumentalisiert wird, können wir dem Hass aktiv begegnen. Wir müssen Ängste abbauen, um geschlechtliche Vielfalt als Teil einer freien Gesellschaft zu verteidigen.
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Antifeministische Narrative gegen geschlechtliche Vielfalt
Im Widerstand gegen geschlechtliche Vielfalt wirken verschiedene Annahmen und Erzählungen zusammen. Im Folgenden sollen einzelne näher beleuchtet werden, um die zugrundeliegende Ideologie besser zu verstehen.
Der Ablehnung geschlechtlicher Vielfalt liegt die Überzeugung zugrunde, dass es nur zwei naturgegebene und unveränderliche Geschlechter gäbe: männlich und weiblich. Begründet wird das mit einem verkürzten biologischen Geschlechtsbegriff, bei dem die menschliche Fortpflanzung als einzig relevanter Faktor gilt. Aus der Fähigkeit zur Reproduktion bestimmter Körper wird ein Ideal erschaffen von der „weiblichen Frau“ und dem „männlichen Mann“. Die Natur, so die antifeministische Logik, habe es so vorgesehen, dass Menschen heterosexuell sind und miteinander Kinder zeugen, jede Abweichung davon wird entsprechend als „wider die Natur“ bezeichnet. Nicht nur die körperlichen Merkmale sind binär festgelegt, sondern auch die Geschlechterrollen: Männer und Frauen würden sich ganz natürlich voneinander unterscheiden. Damit gehen starre Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen einher.
Wer gegen die „natürliche Ordnung“ verstößt, wird abgelehnt oder gar bestraft. Der antifeministischen Logik zufolge besteht die „natürliche“ Aufgabe der Frau darin, sich dem Mann zu unterwerfen, Kinder zu gebären und die Familie zu versorgen. Die „natürliche“ Aufgabe des Mannes ist entsprechend die Unterwerfung (von Frau und Kindern und „Schwächeren“ sowie der Natur als Ganzes), dem Zeugen von Nachwuchs und der finanziellen Versorgung der Familie. Männer seien dabei „von Natur aus“ stärker, zeigten weniger Gefühl und seien rationaler als Frauen, die qua Biologie weicher seien und emotionaler. Menschen, die sich nicht entsprechend den „naturgegebenen“ Rollen verhalten, stören die Ordnung: Männer, die zärtlich und sanft sind, Frauen, die keine Kinder bekommen möchten, nicht heterosexuelle Paare, alternative Familienmodelle – sie alle haben den ihnen zugewiesenen Platz verlassen. Transfeindlichkeit liegt zu einem großen Teil darin begründet, dass trans Personen es wagen, die Ordnung nicht nur in Frage zu stellen, sondern sie zu verletzen. Das Recht, über den eigenen Körper, die Sexualität und Reproduktion, den eigenen Geschlechtsausdruck zu bestimmen, gesteht der Antifeminismus nur denen zu, die sich innerhalb der angeblich „natürlichen“ Ordnung bewegen.
Entsprechend werden alle Bestrebungen abgelehnt und zurückgedrängt, die Vielfalt fördern und sichtbar machen. Dazu gehört die gendersensible Sprache, Maßnahmen zur Gleichstellung und der Antidiskriminierung. Diese werden als ideologische Agenda einer radikalen Minderheit bezeichnet, die es sich zum Ziel gesetzt hätte, die „Familie abzuschaffen“ und die „natürliche Ordnung“ aufzulösen. Die Sozialwissenschaftlerin Juliane Lang erklärt: „Wir sehen, welche Bedeutung die Ablehnung progressiver Geschlechterpolitiken für autoritäre und rechte Gegenbewegungen weltweit haben. Wir sehen, dass die Rechte von Frauen und queeren Menschen immer wieder im Fokus stehen. Paradoxerweise wird der politischen Gegenseite häufig vorgeworfen, mit Verboten und Zensur zu arbeiten, während tatsächlich in diesem Bereich von konservativer Seite aus stark versucht wird zu regulieren“.¹ Die sogenannten „Genderverbote“ in einigen Bundesländern zeigen, dass die Anti-Vielfalts-Agenda auch in der politischen Mitte Anschluss findet.
¹https://taz.de/Sozialwissenschaftlerin-ueber-das-Gendern/!6070238
Während in Maßnahmen zu Gleichstellung und Antidiskriminierung das Ergebnis einer „Umerziehungspolitik“ gesehen wird, sehen antifeministische Netzwerke in der Geschlechterforschung die Keimzelle allen „Übels“. Wissenschaftler*innen und ganze Fachbereiche werden als „abgehobene Eliten“ bezeichnet, die daran arbeiteten, den „neuen Menschen“ zu erschaffen und „Gender-Ideologie“ mit Gewalt durchzudrücken. Die AfD fordert in ihrem Grundsatzprogramm, die „Förderung der ‚Gender-Forschung [zu] beenden“, Marc Jongen, eine Art „Parteiphilosoph“ der AfD hielt 2020 im Budnestag eine Rede, in der über ein angeblich „verhetztes und vergiftetes Klima“ schwadronierte, einen „Geschlechterkampf“, der auf Ideen zurückginge „die zuerst an Universitäten ausgebrütet wurden, und zwar im Rahmen der sogenannten Gender Studies“. Die Genderforschung, so Jongen wolle „heterosexuelle Normalbeziehungen zwischen Männern und Frauen in den Bereich des Unterdrückerischen und Abseitigen rücken“ und weiterhin würden schon „die Kleinsten im Kindergarten (…) irre gemacht werden“.¹ Hier spielt der AfD-Politiker auf vielfaltspädagogische Konzepte an, die Kindern mit vielfältigen Lebens- und Familienmodellen vertraut machen. Auch die (früh-)kindliche Sexualaufklärung, ein zentraler Baustein der Missbrauchsprävention, wird als als „missbräuchlich“ und „kindeswohlgefährdend“ dargestellt.
¹zitiert nach: Daniela Rüther (2025): Die Sexbesessenheit der AfD. S. 59
Die Ablehnung geschlechtlicher Vielfalt ist tief mit Misogynie verbunden, der Abwertung des „Weiblichen“ gegenüber dem männlichen Ideal. Eigenschaften, Tätigkeiten oder Rollen, die als „männlich“ gelten, werden gesellschaftlich noch immer häufig mehr wertgeschätzt, besser bezahlt, stärker anerkannt oder als „normal“ gesetzt. Die Misogynie ist ein tiefverwurzeltes System, das in allen gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen wirkt und aktiv entlernt werden muss. Homophobie und Queerfeindlichkeit sind dabei eng mit Misogynie verbunden und wirken zusammen, um eine heterosexuelle, männlich dominierte Norm aufrechtzuerhalten. Transmisogynie, also die Abwertung von trans Frauen und trans weiblichen Personen, ist dabei eine häufig übersehene Kategorie der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Trans Frauen werden selbst in manchen feministischen Kreisen als Bedrohung dargestellt und ausgeschlossen. Zugrunde liegt auch hier die Annahme, Geschlecht sei naturgegeben und unveränderlich.
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"Argumente" gegen geschlechtliche Vielfalt und wie wir ihnen begegnen können
In der Debatte um die Anerkennung geschelchtlicher Vielfalt werden verschiedene Argumente angeführt, die das Recht auf Selnbstbestimmung und Respekt für alle Geschlechter in Frage stellen. Die folgenden begegnen uns dabei häufig. Mit Klick auf die jeweilige Kachel findest du eine passende Entgegnung.
„Geschlechtliche Vielfalt ist eine Modeerscheinung.“ / „Trans ist ein Trend.“Geschlechtliche Vielfalt ist kein neues Phänomen, sondern historisch und kulturell vielfach belegt. In unterschiedlichen Gesellschaften und Epochen existierten und existieren mehr als zwei Geschlechterrollen. Neu ist nicht die Vielfalt selbst, sondern ihre stärkere Sichtbarkeit und rechtliche Anerkennung. Diese entsteht durch gesellschaftliche Liberalisierung, bessere medizinische und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse sowie durch die Möglichkeit, öffentlich über zuvor marginalisierte Erfahrungen zu sprechen.
„Es gibt biologisch nur zwei Geschlechter.“Auch die Biologie ist komplexer als die vereinfachte Zweiteilung in „männlich“ und „weiblich“. Chromosomen, Hormone, Gonaden und körperliche Merkmale können unterschiedlich ausgeprägt sein. Intergeschlechtliche Menschen zeigen, dass biologische Geschlechtlichkeit kein strikt binäres System ist. Zudem ist Geschlecht nicht ausschließlich biologisch definiert, sondern umfasst auch soziale, rechtliche und psychologische Dimensionen. Die Menschen, um die es geht, existieren. Haben sie kein Recht auf ein Leben in Würde?
„Geschlechtliche Vielfalt verwirrt Kinder und Jugendliche.“Die pädagogische Praxis zeigt das Gegenteil: Kinder und Jugendliche profitieren von altersgerechter, wertschätzender Aufklärung. Sie lernen, Unterschiede einzuordnen und respektvoll mit Vielfalt umzugehen. Verwirrend wirkt nicht die Information über Vielfalt, sondern Tabuisierung, Stigmatisierung und widersprüchliche Botschaften. Für junge Menschen, die selbst nicht in binäre Geschlechternormen passen, kann Sichtbarkeit entlastend und stabilisierend wirken.
„Das ist nur subjektive Empfindung, keine Realität. Niemand kann mich zwingen, das ernstzunehmen.“Die Geschlechtsidentität eines Menschen ist keine bloße Laune oder Meinung, sondern ein zentraler Bestandteil der Persönlichkeit. Sie wird in Medizin, Psychologie und Sozialwissenschaften als reale, wirksame Erfahrung anerkannt. Es geht nicht darum, ob du die Lebensrealität einer Person teilst oder nachempfinden kann, sondern um das Selbstbestimmungsrecht der Person und ihr Recht auf einen respektvollen Umgang.
„Die Akzeptanz von trans Personen untergräbt Frauenrechte.“Frauenrechte und geschlechtliche Vielfalt stehen nicht im Widerspruch. Beide zielen darauf ab, starre Geschlechternormen und geschlechtsbezogene Diskriminierung abzubauen. Trans-, inter- und nicht-binäre Menschen sind ebenfalls von patriarchalen Strukturen betroffen. Gleichstellungspolitik wird nicht geschwächt, sondern differenzierter, wenn sie unterschiedliche Lebensrealitäten berücksichtigt. Bitte falle nicht auf die transfeindlichen Erzählungen herein, in denen trans Frauen das Frau sein abgesprochen wird.
„Eine kleine Minderheit will allen ihre Ideologie aufzwingen.“Der Schutz von Minderheiten ist ein Grundprinzip demokratischer Gesellschaften. Rechte und Anerkennung werden nicht nach Mehrheitsverhältnissen vergeben. Zudem profitieren auch viele cisgeschlechtliche Menschen von einer Gesellschaft mit weniger starren Geschlechternormen, etwa durch mehr Freiheit in Lebensentwürfen, Rollenbildern und Ausdrucksformen. Geschlechtliche Vielfalt ermöglicht es Menschen, ihre Identität selbstbestimmt zu leben, ohne anderen ihre Geschlechtsidentität abzusprechen. Die Anerkennung von Vielfalt bedeutet, Menschen so leben zu lassen, wie sie möchten und ihnen die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.
„Wenn jetzt jeder einfach so sein Geschlecht ändern kann, wird der Frauenschutz faktisch abgeschafft.“Dieses Argument beruht auf mehreren falschen Annahmen. Erstens setzt es voraus, dass rechtliche Geschlechtsänderungen beliebig, folgenlos und missbräuchlich vorgenommen würden. Das ist nicht der Fall. Regelungen zur Änderung des Geschlechtseintrags betreffen einen klar definierten rechtlichen Akt und sagen nichts darüber aus, wie Gewaltschutz organisiert ist. Schutzkonzepte für Frauen, etwa in Frauenhäusern, werden dadurch weder aufgehoben noch außer Kraft gesetzt.
Zweitens unterstellt das Argument, trans Frauen seien eine potenzielle Bedrohung für cis Frauen. Dafür gibt es keine empirische Grundlage. Trans Frauen sind hingegen selbst überdurchschnittlich häufig von Gewalt, Diskriminierung und sexualisierten Übergriffen betroffen und benötigen Schutzräume ebenso dringend wie cis Frauen. Frauenhäuser und Schutzräume arbeiten seit Jahrzehnten mit individuellen Einschätzungen, Hausrecht und Sicherheitskonzepten, ohne dass geschlechtliche Vielfalt diese Praxis unterminiert hätte. (Mehr dazu in einem Positionspapier der Autonomen Frauenhäuser.) Das Argument erzeugt eine künstliche Konkurrenz zwischen Frauenrechten und den Rechten von trans, inter und nicht-binären Menschen. Diese Gegenüberstellung ist politisch konstruiert. In der Realität stehen beide Anliegen auf derselben Seite: Sie richten sich gegen patriarchale Gewalt, geschlechtliche Kontrolle und Zwangsnormen. Frauenschutz wird nicht geschwächt, wenn mehr Menschen vor Diskriminierung und Gewalt geschützt werden, sondern gestärkt, wenn Schutz nicht selektiv, sondern solidarisch gedacht wird.MehrIn der Broschüre „Soll Geschlecht jetzt abgeschafft werden?“ beantwortet der Bundesverband Trans* folgende Fragen rund um das Selbstbestimmungsgesetz und Transgeschlechtlichkeit:
- Legen Natur und Biologie das Geschlecht fest?
- Warum ist Selbstbestimmung bei der Änderung des Geschlechtseintrag wichtig?
- Besteht bei einem Selbstbestimmungsgesetz nicht die Gefahr, dass Menschen ständig ihren Geschlechtseintrag ändern?
- Können sich Personen durch die Änderung des Geschlechtseintrags Vorteile erschleichen?
- Zwingt eine übermächtige „TransLobby“ der Gesellschaft ihren Willen auf?
- Sagen vor allem Jugendliche, dass sie trans* sind, weil es cool ist?
- Gibt es mehr trans*männliche als trans*- weibliche Jugendliche?
- Outen Jugendliche sich als trans*, um engen Geschlechterrollen zu entkommen?
- Wird Jugendlichen geschadet, weil ihnen zu schnell Pubertätsblocker verschrieben werden?
- Werden Jugendliche übereilt Hormontherapien und Operationen unterzogen?
Zur Broschüre
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Widerstand gegen das „Gendern“
Der Widerstand gegen geschlechtliche Vielfalt zeigt sich vielleicht nirgendwo so deutlich wie in der Ablehnung genderinklusiver Sprache. Die gängisten Argumentationsmuster werden hier vorgestellt. Mit Klick auf die jeweilige Kachel findest du eine Entgegnung.
„Gendern ist unwissenschaftlich.“Das Gegenteil ist der Fall. Gendersensible Sprache stützt sich auf Erkenntnisse aus Linguistik, Psycholinguistik und Sozialwissenschaften. Studien zeigen, dass Sprache Wahrnehmung beeinflusst und das generische Maskulinum nicht geschlechtsneutral verstanden wird. Wissenschaft arbeitet jedoch nicht normativ, sondern beschreibend. Sie kann zeigen, wie Sprache wirkt. Ob und wie gegendert wird, ist eine gesellschaftliche und institutionelle Entscheidung auf dieser Wissensbasis.
„Gendern zerstört die deutsche Sprache.“Sprache ist kein statisches System, sondern unterliegt ständigem Wandel. Neue Begriffe, veränderte Bedeutungen und neue Schreibweisen gehören seit jeher zur Sprachgeschichte. Gendersensible Sprache nutzt bestehende grammatische Mittel oder erweitert sie moderat, ohne die Grundstruktur der deutschen Sprache aufzulösen. Auch frühere Sprachveränderungen, wie etwa die Rechtschreibreform oder neue Lehnwörter aus dem Englischen, wurden zunächst als „Sprachverfall“ kritisiert und sind heute selbstverständlich.
„Gegenderte Texte sind unverständlich.“Die überwiegende Mehrheit der Menschen kann gegenderte Texte problemlos lesen und verstehen. Studien und Alltagserfahrungen zeigen, dass das Textverständnis kaum beeinträchtigt ist. Häufig wird Unverständlichkeit eher behauptet als tatsächlich erlebt. Zudem hängt die Verständlichkeit eines Textes von sehr vielen Faktoren ab: So können zum Beispiel Fachbegriffe, Abkürzungen oder unbekannte Wörter einen Text für manche Menschen schwieriger zugänglich machen.
„Früher ging es doch auch ohne Gendern.“Viele gesellschaftliche Praktiken galten früher als normal, die heute kritisch gesehen werden. Sprache bildet gesellschaftliche Machtverhältnisse ab und verändert sich mit ihnen. Dass etwas „schon immer so war“, ist kein Argument dafür, es nicht zu hinterfragen. Gendersensible Sprache ist Ausdruck eines gewachsenen Bewusstseins für Gleichberechtigung und Vielfalt.
„Gendern ist nicht barrierefrei.“Barrierefreiheit ist ein wichtiges Anliegen, wird aber oft selektiv gegen gendersensible Sprache ins Feld geführt. Tatsächlich gibt es unterschiedliche Empfehlungen für barrierearme Sprache, je nach Kontext und Zielgruppe. Barrierefreiheit und Gendersensibilität stehen nicht im Widerspruch, sondern erfordern eine bewusste, situationsabhängige Gestaltung von Sprache. Dazu kommt, dass auch innerhalb der Gruppe der Menschen, die auf Leichte Sprache oder Sprachassistenzprogramme angewiesen sind, geschlechtliche Vielfalt real ist. Gruppen und ihre Bedürfnisse gegeneinander auszuspielen, wird niemandem gerecht.
„Es gibt wichtigere Probleme.“Sprache ist kein Nebenproblem, sondern Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit. Sie beeinflusst, wer sichtbar ist, wer angesprochen wird und wer sich zugehörig fühlt. Strukturelle Ungleichheiten zeigen sich auch sprachlich und werden durch Sprache stabilisiert oder hinterfragt. Sich mit gendersensibler Sprache zu beschäftigen bedeutet nicht, andere Probleme zu ignorieren, im Gegenteil: Sensibel mit Sprache und ihrer Wirkung umzugehen, schärft den Blick für Ausgrenzung und Diskriminierung.
„Gendern ist nicht zumutbar für Menschen, die Deutsch gerade erst lernen.“Menschen, die Deutsch lernen, erwerben Sprache immer als System mit Regeln, Ausnahmen und Varianten. Dazu gehören bereits heute unterschiedliche Register, Höflichkeitsformen, regionale Varianten und Fachsprachen. Gendersensible Sprache kann Teil dieses Lernprozesses sein. Zudem interessieren sich Menschen, die eine Sprache lernen, häufig auch für die gelebte Sprachpraxis und bekommen die Debatten, die um gendersensible Sprache geführt werden, mit. Die Vereinfachung für Lernende sollte nicht das Ausblenden gesellschaftlicher Realität bedeuten.
„Gendern ist autoritär.“Niemand wird gezwungen, zu gendern. Wenn Organisationen, Verwaltungen oder Bildungseinrichtungen Leitlinien für gendersensible Sprache festlegen, handelt es sich um interne Verständigungen, vergleichbar mit Regelungen zur Corporate Identity oder barrierearmer Kommunikation. Es gibt nirgendwo gesetzliche Vorschriften, genderinklusiv zu sprechen oder zu schreiben. Im Gegenteil: In einigen Bundesländern darf in der öffentlichen Verwaltung nicht mehr mit Sonderzeichen gegendert werden.
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Widerstand von ganz oben: „Genderverbote“ in Deutschland
In verschiedenen Bundesländern gelten inzwischen Regelungen, die genderinklusive Formulierungen mit Sonderzeichen untersagen. Ein bundesweites „Verbot“ gibt es nicht.
Die Einschränkungen betreffen staatliche Stellen (Verwaltungen, Behörden, Ministerien...) sowie den (Hoch-)Schulbetrieb, teilweise mit Konsequenzen bei Verstößen, teilweise ohne (z.B. Punktabzug im Abitur in Hessen seit 2024).
„Aus antidiskriminierungsrechtlicher Sicht ist es problematisch, wenn eine geschlechtergerechte Schreibweise mit ‚Gendersternchen‘, Doppelpunkt oder Unterstrich in staatlichen Einrichtungen [...] verboten werden soll“, stellte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADB) im April 2024 fest.
Aus Sicht der Rechtswissenschaftlerin Ulrike Lembke könnten die sogenannten Genderverbote vielleicht sogar verfassungswidrig sein, da sie möglicherweise gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz (Art. 3 GG) und verschiedene Grundrechte (Art. 5, Art. 12, Art. 2 I GG) verstoßen.
„Genderverbot“ in Hessen
Gastbeitrag von Suse Umscheid
Die hessische Landesregierung hat im Frühjahr 2024 Anweisungen gegen die Nutzung geschlechtersensibler Sprache mit Zusatz- bzw. Sonderzeichen wie * (Sternchen), : (Doppelpunkt) oder _ (Unterstrich) erlassen. Die Anweisungen sollen von allen Behörden und Ämtern, Schulen, Universitäten und dem Hessischen Rundfunk umgesetzt werden. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden diese Anweisungen als „Genderverbot“ bezeichnet.
Dass ein solches „Genderverbot“ in Hessen wahrscheinlich würde, war spätestens seit dem Wahlkampf zur Landtagswahl im Herbst 2023 deutlich, da es als Thema durch vor allem AfD, CDU und FDP in Hessen gesetzt wurde. In den nachfolgenden Koalitionssondierungen zwischen CDU und SPD wurde in einem 10-Punktepapier festgehalten, dass die mögliche Koalition festschreiben wolle, „in staatlichen und öffentlich-rechtlichen Institutionen (wie Schulen, Universitäten, Rundfunk) auf das Gendern mit Sonderzeichen“ zu verzichten¹ und sich am „Rat der deutschen Sprache“ orientiert werde. Zusätzliche Begründungen gab es im Rahmen des Eckpunktepapiers nicht. Ebenso verhält es sich im Koalitionsvertrag, in dem eine sehr ähnliche, weitestgehend kontextlose Formulierung für das „Genderverbot“ zu finden ist². Wiederstände gegen ein solches „Verbot“ hatten sich bereits vor der Wahl seitens Schüler*innen-Selbstvertretungen und Universitäten formiert.
¹https://www.cduhessen.de/data/documents/2023/11/10/2835-654e288a21fe2.pdf
Dennoch wurde das „Genderverbot“ Ende März 2024 für viele recht plötzlich eingeführt und musste bereits in den Abiturprüfungen des gleichen Jahrs umgesetzt werden. Bei Verstoß drohte Punktabzug. Durch die im wahrsten Sinne des Wortes unvermittelte Einführung und das empfundene Informationsvakuum bestand zunächst eine Unsicherheit, inwieweit das „Verbot“ verbindlich war. Zeitgleich äußerten die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Landeschüler*innenrat Unverständnis und sahen im „Genderverbot“ eine Rolle rückwärts. Auch journalistische Fachverbände und Universitäten formulierten Widerspruch und verwiesen auf die Presse- und Wissenschaftsfreiheit.
In Presseartikeln wurde sich wiederholt von Seiten des Ministerpräsidenten und Kultusministers (beide CDU) auf den Rat für deutsche Rechtschreibung berufen. Der Wissenschaftsminister (SPD) führte zudem ins Feld, dass Formulierungen ohne Sonderzeichen verständlicher für seh-, hör- oder lernbehinderte Menschen seien¹. In nachfolgenden Monaten wurde sich besonders von CDU-Seite wiederholt auf eine bessere Lesbarkeit bezogen.
In schulischen und behördlichen Kontexten muss das „Genderverbot“ nun seit dem Frühjahr 2024 angewandt werden. An hessischen Universitäten ist es mehrheitlich Usus, das „Verbot“ nur dort umzusetzen, wo es nicht anders möglich ist, vor allem in der Hochschulverwaltung. Der hessische Rundfunk arbeitet weiterhin möglichst mit Neutralbegriffen, wie vor dem „Verbot“.
Wenn CDU-Politiker*innen vor einem eher kritischen Publikum auftreten, z.B. bei CSDs, sagen sie häufig, ihnen sei das „Genderverbot“ nicht wichtig, oder dass es nicht durch sie forciert sei, während SPD-Politiker*innen davon sprechen, dass in einer Koalition auch unliebsame Kompromisse gemacht werden müssten. So wird sich die Verantwortung gegenseitig zugeschoben, während gleichzeitig die Bedeutung des „Verbots“ heruntergespielt wird. Presseartikel und Recherchen aus dem Spätsommer 2025 machen jedoch deutlich, dass erhebliche Kapazitäten darauf verwandt werden, insbesondere Schulen in ihren Materialien und ihrer schriftlichen Kommunikation zu kontrollieren und einzuschränken. Auftritte von Schulen in den Soziale Medien werden überwacht und das Löschen von Postings verlangt, wenn sie geschlechtersensible Formulierungen mit Zusatzzeichen enthalten¹.
Zudem verstärkt sich der Druck einiger Landesministerien auf landesgeförderte Projekte und Vereine, ebenfalls das „Genderverbot“ zu berücksichtigen. In diesem Kontext ist aber bisher vor einer „Empfehlung“ die Rede, dennoch ist beispielsweise der Paritätische Wohlfahrtsverband alarmiert über die Ausübung dieses Drucks, auch mit der Befürchtung, Landesfördermittel könnten aus diesem Grund gestrichen werden².
Während die Landesregierung nach der Einführung des „Genderverbots“ ein positives Zwischenfazit zog³, stehen vor allem das Kontrollieren und Abmahnen „gegenderter“ Inhalte durch das Kultusministerium⁴ und die mögliche Ausweitung des „Verbots“ in der Kritik von Gewerkschaften, Hochschulen, außerschulischen Bildungseinrichtungen, Aktivist*innen und Journalist*innen.
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Die Kommentarspalten nicht dem Hass überlassen
Im Interview gibt Caspar Weimann, Honorarprofessor*in und Mentor*in für Schauspiel an der ADK Baden-Württemberg, Tipps für den Umgang mit Hasskommentaren auf Social Media und stellt das Konzept der „empathiebasierten Gegenrede“ vor.
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