Domain of One’s Own in der Praxis
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Was ist Domain of One’s Own?
Kurz gesagt geht es bei Domain of One’s Own (abgekürzt DoOO oder auch Domains) darum, dass Hochschulen ihren Studierenden von Beginn des Studiums an eine eigene Domain Webspace bereitstellen, die diese selbst gestalten können. Sie haben volle Kontrolle über die Domain und die Inhalte, die sie veröffentlichen. Am Ende des Studiums können sie ihre Inhalte auf eine andere Seite mitnehmen – wie bei einem Umzug.
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Was sind die Vorteile?
- (Spielerisches) Aneignen von Wissen und Praxis: Mit einer eigenen Domain lernen die Studierenden, sich im Netz zu bewegen, Inhalte zu erstellen, verschiedene Tools zu nutzen und je nach Szenario auch, kollaborativ zu arbeiten. Sie regt dazu an, sich mit dem Internet und der eigenen Präsenz dort auseinanderzusetzen. Sie können damit Kompetenzen im Bereich Digital Literacies erwerben.
- Autonomie: Die Nutzenden haben Kontrolle über ihre eigenen Inhalte und ihre digitale Identität, gleichzeitig können sie ihr eigenes Lernen besser steuern. Sie erfahren Selbstwirksamkeit und es wird ein anderes Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden gefördert. Über diese Punkte sprachen wir in der Episode Partizipation, Mediendidaktik und Domain of One’s Own Partizipation mit Kerstin Mayrberger.
- Förderung von Offenheit und Vernetzung DoOO fördert eine Kultur der Offenheit, des Austauschs und des Teilens, die in geschlossenen Learning-Management-Systemen (LMS) nicht in der Form möglich ist. Durch die öffentlich zugänglichen Formate ist ein höherer Grad an Austausch und Kollaboration möglich. Mit Alexa Böckel sprachen wir in der Folge Die studentische Perspektive auf Domain of One’s Own u. a. darüber, dass Studierende sich digitale Experimentierräume wünschen, um sich untereinander besser vernetzen zu können und studentische Inititiativen gestalten zu können.
- Möglichkeit alternativer Prüfungsformate: Die Gesamtheit oder Teile der Domain können im Sinne eines Non-Disposable Assignment als Prüfungsleistung gewertet werden.
Anders als in einem geschlossenen Lernmanagementsystem (LMS) bewegen sich die Nutzenden im echten Netz, nicht in einem geschützten Raum. Sie lernen das Internet kennen, wie es wirklich ist, mit allen Vor- und Nachteilen und den nötigen Abwägungen. Durch die Einbindung in ein didaktisches Setting können dabei Risiken abgefangen werden, Studierende können Gefahren erkennen, gemeinsam Risiken und Chancen einschätzen, Abwägungen treffen und Strategien entwickeln. Die betreuenden Lehrenden können diese Dynamiken aktiv adressieren und in der Lehre einordnen.
Domain of One’s Own ist also mehr als ein didaktisches Konzept oder ein Lernszenario, und es kann nicht nur an Hochschulen eingesetzt werden. Es ist kein fest umrissenes, starres Konzept, sondern kann in Teilaspekten, in verschiedenen Öffnungsgraden umgesetzt und an unterschiedliche Umgebungen angepasst werden.
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Wo liegen die Herausforderungen?
So einfach die grundsätzliche Prämisse zu erklären sein mag – allen Studierenden eine eigene Domain – so komplex wird es, wenn DoOO im Detail durchdrungen werden soll, von der Umsetzung ganz zu schweigen. Für die Umsetzung an einer Hochschule müssen viele Bereiche zusammenarbeiten: IT, Verwaltung, Fachbereiche, ggf. müssen Studierendenvertretungen oder Personalräte einbezogen und Modulhandbücher und/oder Prüfungsordnungen angepasst werden. Weitere Herausforderungen sind:- Überfrachtung mit Erwartungen: DoOO wird oft zu E-Portfolios in einem LMS in Beziehung gesetzt, und unter den gleichen Prämissen verstanden. Es soll einerseits mehr können als E-Portfolios (freie Zugänglichkeit und Sichtbarkeit, Integration in ein offenes Netz), aber andererseits auch all das abbilden, was in einem LMS passiert (ID-Prüfung, Notenvergabe etc.). Durch die weit verbreitete Nutzung von LMS werden diese zum Default und es fällt schwer, in anderen Kategorien zu denken. Die Frage zu Beginn eines Projekts lautet oft: „All das geht doch auch im LMS. Warum sollen wir DoOO machen?“
- Administration und Organisation: DoOO ist gerade in der Anfangsphase aufwendig, und dabei ist ein klarer Nutzen zu Beginn nicht immer quantifizierbar.
- Skalierung und Fachkulturen: In großen Gruppen lässt sich DoOO unter Umständen nur mit großem Aufwand und mit klaren Konzepten umsetzen, die die Vernetzung der Studierenden untereinander sowie Peer Learning fördern. Manche Fächer eignen sich – zumindest auf den ersten Blick – besser für DoOO als andere, die etwas mehr Fantasie und Nachdenken erfordern, um den Einsatz möglich zu machen.
- Kontrollverlust: Ob man Kontrollverlust als Risiko oder Chance betrachtet, hängt auch von der eigenen Sicht auf Lehren und Lernen ab. Die Kontrolle, die Studierende gewinnen, müssen Lehrende abgeben. In jedem Fall stellt dies eine Umstellung dar.
- Alternative Prüfungsform: Domains als Prüfungsleistung zu werten, kann im Rahmen aktueller Prüfungsordnungen eine Herausforderung darstellen.
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Enge Verzahnung technischer und strategischer Aspekte
Zu den grundlegenden Begriffen des offenen Netzes haben wir für unseren Podcast Domain It Yourself mit Axel Dürkop gesprochen. Die Episode findet ihr hier: https://domain-of-ones-own.de/2020/08/15/das-offene-web-domain-hochschule/.Wie bereits erwähnt ist DoOO durchaus eine Herausforderung, wenn es in vollem Umfang umgesetzt werden soll, und die technischen Voraussetzungen lassen sich hier kaum von den strategischen trennen. Ohne Unterstützung der Hochschulleitung lässt sich an deutschen Hochschulen kaum ein hochschulweites System einführen, und für die technische Umsetzung ist in der Regel die zentrale IT verantwortlich. In unserer Podcast-Folge mit Oliver Janoschka vom Hochschulforum Digitalisierung haben wir u. a. über diese verzahnten Herausforderungen gesprochen: https://domain-of-ones-own.de/2021/03/01/hochschulstrategien-fuer-domain-of-ones-own-entwickeln/. -
Wie kann DoOO in der Praxis aussehen?
Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich gerade an deutschen Hochschulen, an denen Veränderungen oft mit großem Verwaltungsaufwand verbunden sind, klein mit DoOO anzufangen. Das Konzept bietet genug Flexibilität, um auch in Teilen umgesetzt werden zu können.
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