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Interview Herr Bläßler mit Herrn Allwardt

Abschlussbedingungen

 

 

Transkript

0.07 Herr Blässler 

Herr Albert, Sie haben für die gymnasiale Oberstufe im Fach Musik ein ausgesprochen interessantes Konzept entwickelt, das wirklich etwas Neues darstellt. Wie würden Sie das Konzept jetzt in der gegenwärtigen musikpädagogischen Debatte verorten? 

0.29 Herr Albert

Also ich bin selber ein Freund des produktionsorientierten Ansatz in der Musikdidaktik. Das liegt in Hamburg auch nah, denn Christopher Wallbaum oder Christian Rolle haben ihre Lehrerexpertise auch erstmalig hier in Hamburg erworben. Ich finde an diesem Konstrukt sehr charmant, dass ich als Lehrperson eine Musikpraxis inszeniere, die eben sehr viele Lernchancen in unterschiedlicher Hinsicht bietet. Manchmal weiß ich auch noch gar nicht unbedingt gleich welche Lernchancen sich dahinter verbirgt, sondern ich kann noch extrahieren und kann gucken, wie die Lerngruppe auf welches Fazit gerade aufspringt. Für die Schülerinnen und Schüler steht natürlich das Produkt sehr im Vordergrund also diese Sounddatei, die dann veröffentlicht wird. Ich muss mich als Lehrperson fragen, was brauchen jetzt aber die Schülerinnen und Schüler dazu, dass sie dieses Produkt erstellen können und dass sie das auch in einem vertieften Lernprozess erstellen können. Also sind Vorüberlegungen notwendig und das ist das Gute. Das heißt ich inszeniere Musik, die zum Nachdenken anregt und so verstehe ich Produktionsdidaktik. 

Kapitel 2: Bildungsplan

1.25 Herr Blässler 

Nun hat ja Hamburg einen Rahmenplan Musik. Tugendlich sollte jede Lehrerin jeder Lehrer dort hineingeguckt haben. Haben Sie es auch getan, bevor Sie an dieses Produkt oder die Produktion gegangen sind?

1.40 Herr Albert

Also ich kenne den Bildungsplan in Hamburg auch ganz gut. Es gilt der für die Stadtteilschule aus dem Jahr 2011, weil der elfte Jahrgang noch zu der Stadtteilschule gehört und alle Bildungspläne bei uns in Musik sind aufgebaut in drei Kompetenzbereiche. Einmal Produktion, Rezeption und Reflektion und alle drei Kompetenzbereiche werden auch hier gut bedient. Eigentlich, also wir haben eine musikalische Gestaltungsaufgabe. Das ist klar der Produktionsbereich. Es geht aber auch sehr darum, dass Musik gehört werden soll und verbalisiert werden soll. Also in einen Austausch getreten wird, das ist der Bereich Rezeption.  Und dann finde ich ganz spannend, dass ja eine Vernetzung stattfindet mit den eigenen Erfahrungen im Bereich von elektronischer Musik zu dem was vorher gehört wurde an Musikästhetik und es findet aber auch eine Vernetzung statt. Was ist in dem Kurs sonst noch an Hörerfahrung vorhanden? Das muss alles reflektiert werden und insofern sind wir da in dem dritten Kompetenzbereich der Reflektion angelangt. Die Frage ist mal etwas

2.35 Herr Blässler

Die Frage ist mal etwas kritisch. Ist das nicht ein ziemlich großer Aufwand, den sie betreiben und insbesondere zeitlich betreiben, wenn Sie diese Projektmethode anwenden?

Kapitel 3: Projektorientierung

2.43 Herr Albert

Also ja es ist dauert lang und man muss auch viel Zeit und auch Gelassenheit vor offene Phasen halt haben, aber lernen heißt für mich ja nicht auswendig lernen oder für keinen sollte das eigentlich Auswendiglernen heißen, sondern will ich irgendwie Nachhaltigkeit und echtes Lernen ermöglichen, muss sich eben Zeit geben und muss eben auch die Chance haben aus den Fehlern, die automatisch entstehen werden auch zu lernen und andere Wege zu beschreiten. Ich muss Hintergrundwissen, die Fakten, die sie ansprechen dazu geben damit tatsächlich gearbeitet werden kann auf einer etwas höheren Reflektionstufe, als es die Schüler vielleicht vorher gehabt haben, aber es muss auf jeden Fall Zeit für diese offenen Phasen geben, wo ich nur als Lernbegleiter vielleicht wieder auf den Arbeitsauftrag hinweise und ansonsten die Schüler auch selber arbeiten lasse. Neben diesen offenen Phasen gibt es aber auch ganz klare Instruktionsphasen und die benenne ich auch immer so und dort bin ich 20 Minuten der Chef im Ring und sagt wo es lang geht. 

3.40 Herr Blässler

Es stellt sich aber eine zweite Frage noch, die in der Bildungspolitik momentan  intensiv diskutiert wird. Wo beginnt eigentlich und wo endet die Frage der Nachhaltigkeit, dessen was ich jetzt beispielsweise mit diesem Projekt, aber auch darüber hinaus mit dem Musikunterricht erreichen kann? 

Kapitel 4: Nachhaltigkeit

3.58 Herr Albert

Also müsste ich meine Schüler nochmal in fünf oder zehn Jahren fragen, um das wirklich evaluieren zu können. Ich denke ja in zwei Bereichen auf jeden Fall, wenn es darum geht Entwicklung in der Musik nachzuvollziehen. Zum Beispiel über dieses Hörbeispiel 1000 Jahre Musikästethik oder auch über diesen Einstieg Roboter von Kraftwerk, ist das, was da gehört wurde, so gut reflektiert, dass es eben in die eigene Komposition Musik 2050 eingearbeitet wurde und dann ist es nachhaltig, weil das sozusagen relevant fürs eigene Produkt gewesen ist. In Bezug auf hören und beschreiben denke ich auch. Das ist schriftlich Ergebnisse anzufertigen gewesen, die sind im Padlet niedergelegt worden. Man musste sich austauschen da sehe ich auch sehr viel. Interessanterweise in dem Bereich Gestaltung von Musik, was ja eigentlich ein zentrales Merkmal ist, denke ich, ist das nicht so nachhaltig, weil wir da häufig ja auch arbeiten wollen an der Struktur in der Musik oder an Melodienbildung und das ist alles sehr intuitiv geschehen von den Schülern. Möchte ich da ein Fokus darauf legen, müsste ich eine ganz andere Aufgabenstellung wählen. 

5.03 Herr Blässler

Sie sagten mir schon mal Sie müssten in zehn Jahren sozusagen die Alumni noch einmal befragen, wie sieht es aus mit der Nachhaltigkeit. Das können wir jetzt noch nicht machen, aber sie haben zumindest Rückmeldungen bekommen von den Schülerinnen und Schüler wie Sie diese Arbeitsweise in diesem Kurs erlebt haben. Das ist ja in diesem Projekt ganz gut dokumentiert. Das sehen wir ja auch in den Schülerinterviews. Ist es so, dass im Bereich von digitalen Medien haben wir häufig gesprochen was bringt euch das im lernen und da finde ich sehr interessant

5.25 Herr Albert 

Das ist ja in diesem Projekt ganz gut dokumentiert. Das sehen wir ja auch in den Schülerinterviews. Ist es so, dass im Bereich von digitalen Medien haben wir häufig gesprochen. Was bringt euch das im lernen und da finde ich sehr interessant gerade der Aspekt es baut Hürden ab zur Beteiligung durch digitale Medien sehr positiv gesehen wird. Also ich kann mich beteiligen ohne dass nicht gleich eine Bewertung dadurch erfahre oder auch es gibt sehr schneller die Kommunikation zwischen uns Schülern über das Padlet als das immer der Lehrer so als Ping-pong-Rückspieler noch dazwischen ist. Also da ist die Erfahrung sehr gut. Im Bereich lernen in Musik habe ich ein zwei Schülergespräche gehabt, die mir zeigen, dass sie zum Beispiel über die Art und Weise, wie Sie Gregorianik erlebt haben sehr vergleichbar finden mit zu gewissen sphärischen Elementen in der Musik also electronic dance music halt finden und wenn solche Gespräche aufkommen, merke ich dass da Nachhaltigkeit und Reflektion auch entstanden ist. Andere Schüler weiß ich haben auch sehr explorativ also „try and error“gearbeitet. Dann bin ich mir nicht so sicher, inwiefern dort viel lernen in Musik immer stattgefunden hat.

Kapitel 5: Ausstattung und Fähigkeiten

6.33 Herr Blässler

Es gibt ja Positionen in der Musikpädagogik, die sich gegen eine Produktorientierung wenden und zwar insbesondere aus dem Hintergrund dessen, dass dort sehr viel Aufwand und technisches Know-how notwendig ist. Wie sehen Sie selbst das eigentlich? Welche Voraussetzungen muss eine Lehrerin, muss ein Lehrer mitbringen, damit ein solches Arbeiten gelingen kann?

6.59 Herr Albert 

Also einmal möchte ich generell sagen, wenn in Musik nicht Musik gemacht wird, also nicht produktorientiert gearbeitet wird, ist für mich kein Musikunterricht. Das ist für die Kunst nie strittig gewesen, aber für die Musik natürlich lange Zeit und deswegen haben wir ja auch diese vielen und langen und auch teuren Ausbildungsmöglichkeiten, weil es darum geht, den Lehrer, die Lehrerin so zu befähigen, dass sie handwerklich immer in der Lage ist natürlich Musik praktisch und Musik produktorientiert zu arbeiten. Wenn wir jetzt mal auf die Ausstattung und auch die Fertigkeiten der Lehrerinnen gucken, die notwendig sind, um so eine digitale Einheit durchzuführen, kann man zum einen sagen, wir brauchen hier in den Unterrichtsräumen Wlan damit das ganze funktioniert. Wir brauchen fünf bis sieben ipads oder tablets, kein Klassensatz, sondern eben fünf bis sieben, weil wir kooperativ arbeiten. Wir brauchen vielleicht auch die Offenheit zu sagen, ihr dürft auch eure eigenen Handys verwenden. In diesem Fall mussten es eben iphones sein, damit eben über dieses Programm Garageband ein Austausch stattfinden kann und wir brauchen noch Kopfhörer. Das ist alles an Technik. Was muss der Lehrer können oder die Lehrerin, sie muss sich auskennen mit Garageband und dort Probleme lösen können und wissen, was da möglich ist. Sie muss ein Konzept haben, wie Sie die Dateiverwaltung organisiert, denn das war ein zentraler Punkt, dass immer wieder auf die gleiche Datei zugegriffen werden kann. Und man muss sich auskennen mit Internettools, wie  Mentimeter oder Padlet.  Das ist aber sehr schnell gemacht.  Zu den räumlichen Voraussetzungen, ich glaube es ist gut, wenn man zusätzlich zu den Musikraum auch ein paar separierende Möglichkeiten hat. Das kann angrenzende Sammlung sein, das kann ein Flur sein, das kann die Pausenhalle sein. Überall da, wo Wlan halt noch möglich ist. Wir brauchen nicht zwei oder drei komplett ausgestattete Musikräume in dieser Einheit, sondern es können eben auch andere Räumlichkeiten sein und ich muss auch hinzufügen, ich habe das erlebt, dass es auch sehr angenehmes arbeiten ist. Sonst ist Musikunterricht auch durchaus mal laut, aber in diesem Fall sitzen ja die Schülerinnen und Schüler viel mit Kopfhörern dort und arbeiten. Und das ermöglicht und ist natürlich auch, dass in so einem Raum über drei Gruppen gut zusammenarbeiten gelingt. 

9.04 Herr Blässler

Es gibt ja dieses Spannungsfeld zwischen Wissensvermittlung und -bildung, wie würden Sie ihre Arbeit in diesem Projekt einordnen? 

9.15 Herr Albert 

Das ist global! Also für mich ist Bildung etwas, da kann ich in der Schule die Chance geben, dass sie sich aufbaut, aber ich habe dafür nie die Spritze oder ich habe irgendwie etwas wo ich ganz klar sagen kann, hier habe ich Bildung ermöglicht. Ich glaube aber trotzdem, dass diese Einheit eher im Bereich der Bildung einzuordnen ist. Denn ich habe versucht den Schülerinnen immer Andockmöglichkeit an ihre eigene Erfahrungswelt zu geben und wenn sie die den nutzen und eben neue Anregungen nehmen, dann gehen sie nachher verändert dort raus und gehen mit einer etwas anderen Sicht auf die Welt auch wieder raus. Und die Welt anders zu sehen und anders erklären zu können, auch das ist für mich eigentlich das Zentrale im Bildungsbegriff und deswegen würde ich sagen, das ist eine Bildungseinheit gewesen und keine Wissenseinheiten. Wenn ich die Schülerin frage, was hast du nun gelernt in dieser Einheit? Kommen Sie vielleicht gar nicht so schnell darauf, weil Sie lernen meistens immer noch mit Wissen, Fakten, „ich kann Zahlen nennen“ verbinden und das ist in dieser Einheit gar nicht so zentral gewesen. 

Kapitel 6: Gemeinsames Lernen

10.28 Herr Blässler 

Herr Albert man merkt, wenn man mit Ihnen spricht, wenn man die einzelnen Filme anguckt hat, wie kompetent Sie selbst in diesem Bereich sind. Dann gibt es eine Reihe von Musikerinnen und Musiker, die haben eher Hemmungen an so eine Sache heranzugehen und flüchten dann doch wieder in den alten Modus des Unterrichts obwohl eigentlich das was sie hier jetzt uns gezeigt haben regelrecht spannend ist. Aber die Angst, dass nicht hinzubekommen ist relativ groß.

11.00 Herr Albers 

Oder die Technik funktioniert nicht oder so was. Das ist ja auch ja, also ich würde, also ich möchte natürlich ermuntern dazu, das auszuprobieren einfach weil anhand der Videos und des Materials finde ich hat man einen guten Einblick darin, wie die Idee dieser Einheit gemacht ist und natürlich jede Kollegin, jeder Kollege ist jetzt aufgefordert, das handhabbar für seine eigene Lerngruppe zu machen. Aber technisch würde ich keine Angst haben. Wir haben so viel Expertenwissen bei den Schülerinnen und Schülern dort, das kann man ohne weiteres Nutzen. Viele Dinge zum Beispiel, auch die Dateiverwaltung wird von den Schülern auch manchmal selber organisiert und das was man als Lehrerin oder Lehrer sich vielleicht wirklich anschauen müsste. Die Vorstrukturierung im Padlet oder sowas, das kriegt glaube ich wirklich jeder hin, insofern möchte ich wirklich Lust machen. Setzen sich damit auseinander, nehmen sie ein Tablett einfach mal davor und ich glaube es wird was Gewinnbringendes dabei rauskommen. 

11.49 Herr Blässler 

Worin besteht ganz konkret der Gewinn für die Sensibilisierung in und mit Musik?

11.56 Herr Albers

Also es bringt nichts, wenn man denkt so zu sagen, man hat dadurch irgendwie ein Überblick über Epochen oder sowas gewonnen. Das ist nicht Ziel dieser Einheit. Es bringt auch nichts in dem man denkt, man hat dort gestalterische Elemente wie wir sie klassischer Weise kennen von Form und Aufbau oder sonst wie was erarbeitet. Sondern es ist für mich eher ein sehr übergeordnetes Thema und so was bedeutet Musikästhetik. Was hören Menschen zu verschiedenen Zeiten oder machen Menschen zu verschiedenen Zeiten Musik. Und da findet Entwicklung statt, da kann man wahrnehmen. Es gibt hier plötzlich ein Puls in der Musik den es vorher noch nicht gegeben hat, es gibt hier plötzlich neue Klangästethiken, die als schön wahr genommen werden. Es gibt Early-adopters wie Kraftwerk, die mit irgendwelchen Konventionen brechen und das bringt eben gerade was in dem Bereich von Bildung zu sehen, ok wo finde ich Brüche, irgendwo in der Musik oder auch in der Gesellschaft und ich kann ich selber interpretieren, wie ich damit weitergehen werde. Habe ich dazu eine Haltung und eine Meinung und kriege ich die in meiner Musikpraxis irgendwie implementiert. 

12.58 Herr Blässler

Herzlichen dank.

13.00 Herr Albers

Gerne.