Vortrag 09: Prof. Dr. Stephanie Schroedter - Musikalisch bewegtes Wissen
Vortrag 09: Prof. Dr. Stephanie Schroedter - Musikalisch bewegtes Wissen
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Musikalisch bewegtes Wissen erforschen – Explorationen zwischen künstlerischer Praxis und Theoriebildung
Die Rhythmik geht sehr selbstverständlich von einem Phänomen aus, das – in wissenschaftlichen Bereichen außerhalb der Rhythmik, die sich ebenfalls mit diesem Phänomen befassen – gar nicht so selbstverständlich ist. Es geht um den einfachen, weil sogleich einleuchtenden und letztlich doch sehr komplexen Sachverhalt, dass wir Musik spontan und intuitiv „als“ eine Bewegung wahrnehmen und verstehen können – man könnte auch sagen: „neuronal“ verarbeiten und entsprechend darauf reagieren.
Wie kann man nun sich diesem Phänomen, das im Zentrum der Rhythmik steht, zeit- und kulturenübergreifend, generationenspezifisch und ebenso transgenerational, dabei auch Menschen mit besonderen Bedürfnissen einschließend, wissenschaftlich-forschend nähern? – und zwar Praxis und Theorie eng verknüpfend, da eine Theorie ohne Praxis sehr schnell Gefahr läuft, brüchig zu werden; ebenso wie eine Praxis ohne Theorie dazu verleiten kann, sich in unreflektierten Routinen zu erschöpfen.
Von dieser zweifellos sehr weitgreifenden Fragestellung ausgehend erscheint es für die Entwicklung einer „Theorie der Rhythmik“ sinnvoll, die beiden für dieses Fach so essentiellen „operativen Einheiten“, nämlich Musik und Bewegung, zunächst in größere, umfassendere Zusammenhänge einzubetten und gleichsam aus einer Metaperspektive zu betrachten, bevor ihre spezifischen Ausprägungen in den unterschiedlichen Anwendungsbereichen untersucht und weiter ausdifferenziert werden können. Eine Theoriebildung der Rhythmik sollte also zunächst so etwas wie ein Dach über die einzelnen Spezialisierungen innerhalb dieses Fachs bieten.
Hierbei drängt sich auch sogleich die ebenso elementare wie zentrale Frage auf, warum in diesem Fach (im Gegensatz zu verwandten Disziplinen wie der Musikpädagogik oder der Tanzpädagogik) gerade mit dem Verbund von Musik/Klang und Bewegung/Tanz so intensiv gearbeitet wird? – ein Frage, die derzeit wohl am besten mit theoretischen Ansätzen der sog. „Embodied Cognitive Science“ beantwortet werden kann, also der „Verkörperten Kognitionswissenschaft“, die auch als „Situated“ oder „Grounded Cognitive Science“ oder „Enaktvismus“ bzw. „4E-Cognition“ bezeichnet wird, und die grundsätzlich davon ausgeht, dass unsere kognitiven Fähigkeiten „embodied“, „embedded“, „enacted“ und „extended“ sind.[1]
Auch ohne an dieser Stelle auf diese sehr komplexe Thematik näher eingehen zu können, sei vorerst festgehalten, dass sich hier in idealer Weise Ausgangspunkte für eine Theoriebildung einer (dezidiert) verkörperten bzw. leiblich bewegten Musikpraxis[2] wie der Rhythmik eröffnen, um letztlich ein musikalisch bewegtes Wissen zu erforschen – und zwar unter Beteiligung aller Sinne (multisensorisch), wobei dem auditiven Sinn und dem Bewegungssinn (d.h. der Kinästhesie) bzw. einem kinästhetischem Hören gewiss ein besonderer Stellenwert zufällt.
Insofern muss auch eine Theoriebildung der Rhythmik mindestens interdisziplinär, vorzugsweise jedoch transdisziplinär ausgerichtet sein – umso mehr, als Transdisziplinarität auch subjektive Erfahrungshorizonte miteinbezieht. Denn, genau die kommen unweigerlich ins Spiel, wenn es darum geht, mit allen Sinnen Wissen zu schaffen, also neue Einsichten und Erkenntnisse zu generieren, die auch sinnliche Komponenten umschließen, wenn nicht sogar in erster Linie von ihnen ausgehen.
Doch bevor hierauf näher eingegangen werden kann, erscheint es sinnvoll, das Untersuchungsfeld noch etwas klarer zu konturieren. So gilt beispielsweise zunächst zu klären, welche Wechselbeziehungen von „Musik und Bewegung“ in der Rhythmik zum Einsatz kommen, mit welchen Analysekriterien sie näher beschreiben werden können, und welche Wissensfelder daraus resultieren. Ich habe hierfür ein „AUGE“ der Rhythmik entworfen, mit dem Grundstrukturen dieses Fachs als Ausgangspunkt zu weiteren Uberlegungen – wortwörtlich – in den Blick genommen werden können. In meinem Vortrag gehe ich vor allem auf die „Iris“ mit der „Pupille“ ein, um zunächst Bewegung für Musik und Musik für Bewegung, anschließend Musik in Bewegung und Bewegung in Musik und abschließend Musik als Bewegung und Bewegung als Musik näher zu erläutern und mit Beispielen zu veranschaulichen. Diese Beziehungskonstellationen von Musik und Bewegung umfassen einerseits Aspekte der Ausbildung und Anwendungsfelder der Rhythmik, andererseits Aspekte künstlerisch-performativer Gestaltungen von Musik und Bewegung und schließlich Aspekte einer Theorienildung der Rhythmik/Musik und Bewegung.
[1] Vgl. zu einem Überblick: The Routledge Handbook of Embodied Cognition, hrsg. von Lawrence Shapiro, Abingdon/Oxfordshire: Routledge 2014/2017.
[2] Vgl. hierzu (mit Bezügen zur Musik- und Bewegungspädagogik/Rhythmik): Dylan van der Schyff, Andreas Schiavio, and David J. Elliott, Musical Bodies, Musical Minds. Enactive Cognitive Science and the Meaning of Human Musicality. Cambridge/Massachusetts and London/England: The MIT Press 2022.
Prof. Dr. Stephanie Schroedter
Stephanie Schroedter arbeitet seit ihrer musik-/tanzwissenschaftlichen Promotion in Salzburg (Auszeichnung mit dem Tanzwissenschaftspreis NRW) an der Schnittstelle von Musik, Tanz und Theater/Performance. Neben der Konzeption/Durchführung von FWF-, DFG- und SNF-geförderten Forschungsprojekten vertrat sie Professuren für Musik-, Tanz-, Theater- und Medienwissenschaft. 2015 habilitierte sie sich an der FU Berlin (Musik- und Tanzwissenschaft) und wurde 2021 auf eine Professur zu einer Theoriebildung der Rhythmik/Musik und Bewegung an die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien berufen. Der jüngste, von ihr herausgegebene Sammelband Music and Motion. Interweaving of Artistic Practice and Theory mit Beiträgen von 41 internationalen Autor:innen erschien 2025 (Wien und Bielefeld: mdw-press in Kooperation mit transcript, open access über: https://www.mdw.ac.at/mdwpress/).